Monday, 6 June 2016

GILLES PETERSON ehrt MPS

Spitzenjazz aus dem Schwarzwald

Die DJ-Szene entdeckt das Villinger Schallplattenlabel MPS 
 
cw. Obwohl die Villinger Schallplattenfirma MPS bereits vor mehr als dreißíg Jahren den Betrieb einstellte, stehen ihre Schallplatten bis heute hoch im Kurs. Gerade erleben sie sogar ein fulminantes Comeback: In der Club-Szene und unter DJs sind die LPs des Labels aus dem Schwarzwald weltweit hoch gefragt und erzielen Höchstpreise bei Auktionen. Jetzt hat der Londoner Star-DJ Gilles Peterson gerade ein neues Album mit MPS-Titel veröffentlicht, das den Boom noch weiter anheizen wird.

Peterson ist Plattenproduzent, Mixer und Remixer. Darüber hinaus hat er sich seit Mitte der achziger Jahre vor allem als “Acid Jazz”-DJ einen Namen gemacht. Tausende pilgerten zu den “Rave Nights”, bei denen der Engländer hinter den “Desks” stand und Platten auflegte. Dann engagierte die BBC den leidenschaftlichen Plattensammler. Jahre lang sorgte er mit wilden Stilmischungen in seinen populären Sendungen für Furore. Nun hat er ein Album mit Jazznummern aus dem Archiv des legendären Labels MPS (=Musik Produktion Schwarwald) veröffentlicht. “In den siebziger Jahren war MPS zweifellos das beste europäische Jazzlabel, fast so bedeutend wie Blue Note in den USA,” schwärmt Peterson. “Es gab niemanden in Europa, der der Villinger Firma das Wasser reichen konnte, was die Vielfalt und die musikalische Qualität ihrer Veröffentlichungen anbelangt.” Den Titel seines Samplers hat er mit Bedacht gewählt. “Magic Peterson Sunshine” heißt das Album. Abgekürzt: MPS!

Schon früh stolperte Peterson über Vinylplatten des Labels, als er die Sommerferien bei seiner Oma in der Normandie verbrachte. “Einmal in der Woche ging sie zum Großeinkauf in die Stadt. Ich begleitete sie und trieb mich dann in Caen herum, bis sie ihre Einkäufe erledigt hatte,” erinnert er sich. “Ich fand diesen Plattenladen und kaufte drei LPs, darunter eine MPS-Platte von George Duke.” Natürlich hatten die drei Buchstaben damals noch keinerlei Bedeutung für den Teenager. Die Signifikanz des Labels wurde ihm erst später klar, als das Kürzel MPS zu einer Art Zauberformel für ihn wurde, die für Jazz der Spitzenklasse stand.

Es war ein Bekannter aus Freiburg i.B., der Peterson die MPS-Schallplatten nahe brachte. Sein Name: Rainer Trüby. Der Schallplattenhändler, DJ und Clubbetreiber reiste in den achtziger Jahren regelmäßig nach London, um mit raren Vinylplatten zu handeln. Einer seiner Kunden: Gilles Peterson! “Rainer hatte immer auch ein paar MPS-LPs dabei, die er mir ans Herz legte und die ich natürlich sofort kaufte. Darüber hinaus erzählte er mir über die Geschichte des Labels,” erinnert sich der Londoner DJ.

Peterson fing Feuer und erwarb nun jede MPS-Scheibe, die ihm in die Hände fiel, ob auf dem Flohmarkt oder bei Internet-Auktionen. Das Label wurde geradewegs zu einer Obsession: Der DJ wollte unbedingt jede einzelne Schallplatte aus dem Gesamtkatalog von mehr als 500 Veröffentlichungen besitzen. Die Tonqualität der Aufnahmen begeisterte ihn, auch die stilistische Vielfalt der Musik. Dazu kamen die sorgfältigen Produktionen und die originellen Cover, die oft kühn gestaltet, graphisches Gespür verrieten. “Bei den MPS-Platten stimmte einfach alles. Ich lernte da Bands kennen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte,” erzählt er. “Labelchef Hans Georg Brunner-Schwer hatte das richtige Händchen. Er installierte in Villingen ein tolles Studio, behandelte die Musiker zuvorkommend und schuf so eine persönliche Atmosphäre, was für jedes erfolgreiche Label die Grundvoraussetzung ist. Er war nicht nur am Geschäft interessiert, sondern vor allem an der Musik.”
 Modern Jazz Group Freiburg
Etliche ausgefallene Namen hat Peterson auf seine aktuelle Zusammenstellung gepackt, darunter ein Stück der Modern Jazz Group Freiburg des Pianisten Waldi Heidepriems. “Ich wählte einige eher obskure Titel und Künstler aus, die nicht jeder kennt und die trotzdem fantastisch sind,” erläutert er sein Auswahlverfahren. “Natürlich wollte ich auch ein paar der großen Namen dabei haben, etwa George Duke oder Don Ellis.”

Dem Engländer bleibt jetzt nur noch eines: Nächsthin will er selbst nach Villingen reisen, um das MPS-Studio zu besichtigen, das seit einiger Zeit unter Denkmalschutz steht und für die Öffentlichkeit zugänglich ist. “Das wird eine absolute Pilgerreise für mich,” freut er sich schon heute. ”Die ganze Geschichte! All diese unglaublichen Musiker, die in diesem Studio aufgenommen haben. Das ist heilige Erde für mich!”

Monday, 23 May 2016

Bob Dylan zum 75.

Hey, Mr. Tambourine Man!

Bob Dylan wird 75 – alte Weggefährten, jüngere Liedermacher und besessene Dylan-Verehrer erinnern sich an Begegnungen mit ihm und seiner Musik 



cw. Eigentlich heisst er Robert Zimmerman, doch alle kennen ihn unter dem Namen: Bob Dylan! Vom Schriftsteller Dylan Thomas, den er verehrte, hat er sich den Namen entlehnt. Bob Dylan kam 1961 nach New York, wo er in den Folkclubs von Greenwich Village für Furore sorgte. Mit Songs wie “Blowing in the Wind”,  “Mr. Tambourine Man”, und “The Times They are a Changin” machte er weltweit Karriere und galt bald als die Stimme seiner Generation. Seitdem hat Bob Dylan immer wieder mit neuen Alben aufhorchen lassen und sich vielleicht als der größte Liedermacher aller Zeiten in die Annalen der Popmusik eingetragen. Am 24. Mai wird er 75 Jahre alt. Christoph Wagner hat alte Weggefährten und –gefährtinnen befragt, auch jüngere Kollegen und Bewunderer sowie Dylan-Experten, um ein Bild von diesem letzten Superstar des Pop zu gewinnen.

Carolyn Hester, Los Angeles (Folksängerin, auf deren erstem Album Bob Dylan 1961 mitwirkte. Es war seine erste Schallplattenaufnahme)

Image result for bob dylan carolyn hester photo“Ich war mit Bob Dylans Freundin Suze Rotolo eng befreundet und wir verbrachten viel Zeit zusammen, manchmal bei Konzerten. Als ich erwähnte, dass ich eine Schallplatte für Columbia Records machen würde, bekundete Bob Dylan sein Interesse, als Gitarrist dabei zu sein. Das Problem war:  Wir hatten bereits einen Gitarristen! Deshalb luden wir ihn als Mundharmonikaspieler zu den Aufnahmen ein. So lernte er den Produzenten John Hammond von Columbia Records kennen, der ihn dann unter Vertrag nahm.”

Happy Traum, Woodstock, USA (Folkmusiker und einstiger Nachbar von Bob Dylan)

“Ich traf Bob Dylan 1962 in Greenwich Village in Downtown Manhattan. Ich sang damals in der Folkgruppe The New World Singers. Bob Dylan mochte die Band. Er kam zu unseren Auftritten und gab uns Lieder von ihm zum Singen. Er war damals noch völlig unbekannt. 1963 war ich dann zum ersten Mal mit ihm im Studio. Wir nahmen Lieder zur Unterstützung der Zeitschrift “Broadside Magazine” auf, einem wichtigen Organ der Folkbewegung. Die New World Singers sangen Dylans “Blowing in the Wind” - die erste Einspielung des Titels! Er war im Studio dabei. Bei der gleichen Session sang ich mit ihm im Duett: “Let me die in my footsteps”. Ich sang die Führungsstimme, er die Begleitung, dazu spielte er Gitarre. Ein paar Jahre später zog ich mit meiner Familie raus aufs Land, nach Woodstock im Bundesstaat New York, wo auch Bob Dylan mit seiner Familie lebte. Damals gab es viele Musiker in Woodstock, eine richtige Künstlergemeinde.
Wir freundeten uns mit Dylans Familie an, besuchten uns oft und machten privat Musik zusammen. Er war sehr umgänglich. Bob Dylan war eine recht komplexe Persönlichkeit. In Woodstock lebte er sehr zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Die Schallplatten, die er damals machte wie “John Wesley Harding”, spiegelten dieses ruhige Leben auf dem Land wider. 1973 machte ich ein zweites Mal Aufnahmen mit ihm: Wir gingen in New York ins Studio seiner Plattenfirma Columbia und nahmen vier Titel auf. Als er dann 1973 nach Kalifornien zog, brach der Kontakt etwas ab, obwohl ich ihn auch später noch ein paar Mal traf.”



Peter Stampfel, New York (Folk-Veteran mit den Holy Modal Rounders)

“Das erste Mal als ich Dylan sah, wusste ich nicht, wer er war: ein junger Bursche mit Stiefeln und einer Mütze auf, der nach Greenwich Village in Manhattan gekommen war, um ein bisschen Gitarre zu spielen. Ein paar Wochen später ging ich abends am Folkclub “Folk City” vorbei und sah durch das Fenster, wie er dort auf der Bühne stand mit seinem Mundharmonikahalter. Ich hörte nichts durch die Scheiben, konnte aber an seinen Bewegungen erkennen, dass er richtig Gitarren spielen konnte. Als ich ihn dann kurze Zeit später auf der Bühne erlebte, erstaunte mich sein Gesangstil, diese Mischung aus Rock ’n’ Roll und traditionellem Hillbilly-Singen. Er war in der Lage, diese beiden Stile zu verbinden. Er sang das gleiche Repertoire wie alle anderen Folksänger: alte traditionelle Lieder etwa von Woody Guthrie. Keiner erinnert sich mehr daran, aber am Anfang seiner Karriere alberte und kasperte Dylan auf der Bühne herum. Er hüpfte und bewegte sich wie ein unreifes Kind. Erst als er seine Mütze abnahm, hörte er auf, ein Clown zu sein.”

Jeffrey Lewis, New York (Anti-Folk-Songwriter und Bandleader)

“Bob Dylan habe ich das erste Mal gehört, als ich so 14 oder 15 war und gerne im Radio klassische Rockmusik hörte. Damals entdeckte ich all diese tolle Musik aus den Sechzigern. Bestimmte Lieder von Bob Dylan, die romantisch-schnulzigen, gefielen mir nicht. Das ist auch heute noch so. Aber eines Nachts hörte ich ”Ballad of a Thin Man” im Radio, und der Song zog mich in den Bann. Das Lied war lustig und verrückt. Darin kam eine einäugige Schnake vor. Jede Zeile war voller Überraschungen, wobei die Musik ziemlich cool klang, düster, schwer und bedrückend. Plötzlich fand ich Bob Dylan interessant. Ich schaute die Plattensammlung meiner Eltern durch. Sie hatten das betreffende Album und noch zwei oder drei andere Dylan-LPs. Ich überspielte sie auf Cassette und hörte sie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule mit meinem Walkman in der U-Bahn. Was für tolle Musik! Seine romantischen Lieder sagen mir bis heute nichts, aber die lustigen, verrückten Songs sind voller Spaß, Brillanz und Energie. Bis heute gefällt mir der frühe Dylan am besten, diese wilde akustische Musik, auch wenn manche Leute meinen, er könnte nicht singen. Ich finde seine Stimme klingt jung und wild. Mit der Zeit beschaffte ich mir mehr und mehr Alben von Bob Dylan und finde, dass auf allen gute Musik ist.”

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Alex Neilson, Glasgow (Schlagzeuger, Sänger und Liederschreiber der Trembling Bells und von Crying Lion)

“Ich kam ziemlich spät auf Bob Dylan. Das erste Mal, dass mich seine Musik wirklich ergriff, war, als ich eine ‘Live’-Platte von ungefähr 1965 hörte. Es klang, als ob die Reiter der Apokalypse aus der Lautsprechern kämen. Ich bemerkte dann, dass es das berühmte “Judas”-Konzert war, wo Dylan als Verräter gescholten wurde, weil er elektrische und nicht akustische Gitarre spielte. Das war revolutionäre Musik in jeder Hinsicht. Von da an wurde Bob Dylan eine Obsession von mir. Ich begriff, dass seine Größe mit seiner Unergründlichkeit zusammenhängt. Je mehr man über ihn zu wissen glaubt, je mysteriöser wird der Mann.”

 Pete Coward, London (Musikjournalist und Dylan-Kenner)

“Bob Dylan inspiriert, weil er ein Genie mit Fehlern ist, und solche Fehler braucht es, um ein Genie zu sein. Er folgt den Worten von Leonard Cohen: "In jedem Ding ist ein Riß. Erst dadurch kommt Licht herein.” Deshalb erstaunt es nicht, dass seine beiden Versionen vom Song “Forever Young” ziemlich verschieden sind -  es verwundert nur. Doch Dylan sucht alles immer und immer wieder auf und überarbeitet es: seine Lieder, seine Stimme, sein Glaube. Und das macht er bis heute im Alter von 75 Jahren. Nicht weil er auf der Suche nach Perfektion ist, sondern weil es die ihm zugewiesene Rolle ist, als fehlerhaftem Genie und menschlichem Wesen.”

 Michael Moravek, Ravensburg (Sänger und Gitarrist der Planeausters)

“Es passierte in der Küche in der Richthofenstrasse in Balingen. Ich war 13 und mein Bruder rief mich ans Radio. Es kam gerade “Are You Ready”. Die Stimme elektrisierte mich, sie schien direkt aus einer Menschenseele heraus zu kommen und unterschied sich von allem, was ich bis dahin gehört hatte. Sie klang seltsam vertraut und verhakte sich in mir. Als heranwachsender Mensch konnte ich keine Wurzeln entwickeln, die sich an Orte festmachten. Durch Dylan habe ich damals meine eigene Sprache gefunden - nicht nur als Songwriter -, die mir ersatzweise zur Heimat geworden ist. Einer seiner großartigsten Songs? Covenant Woman. ‘You know that we are strangers / in a land we’re passing through’.”



Tuesday, 3 May 2016

Kubanische Klezmermusik. John Zorns 'Book of Angals, Vol 23'

Verblüffende Synthese

Kubanische Klezmermusik mit Roberto Rodriguez beim Jazzclub Singen


cw. Let’s klez! Seit 40 Jahren erlebt die jüdische Klezmermusik ein Revival. In ihrer vormaligen osteuropäischen Heimat durch Holocaust und 2. Weltkrieg vernichtet, waren es vor allem Musiker aus den USA, die die traditionelle jüdische Festtagsmusik wiederentdeckten und ihr zu einer weltweiten Renaissance verhalfen. Wie Blues, Tango oder Salsa gibt es heute Klezmergruppen nahezu überall auf dem Globus. Dabei treten immer mehr auch etwas abgelegenere Traditionslinien zu Tage, wie etwa die Klezmermusik auf Kuba, wo eine beachtliche Exilgemeinde jüdischer Emigranten strandete, um sich vor der Verfolgung in Europa in Sicherheit zu bringen.

Der Schlagzeuger Roberto Rodriguez stammt aus diesen Milieu. Er ist in der jüdischen Gemeinde in Kuba groß geworden und hat seit seiner Jugend bei Festen und Feiern jüdische Musik gespielt und dabei schon früh Klezmermelodien mit kubanischen Rhythmen vermischt. In den 1990er Jahre wanderte Rodriguez in die USA aus, wo er sich in New York niederließ, um weiterhin seine musikalischen Wurzeln zu pflegen. In Downtown Manhattan traf Rodriguez den Saxofonisten, Komponisten und Labelbetreiber John Zorn, der ihn ermunterte, die jüdisch-kubanische Klezmertradition weiterzuentwickeln.

Zorn schrieb eine Reihe von Kompositionen für Rodriguez, die dieser zuerst mit einer größeren Besetzung aufnahm (CD: Book of Angels, Vol 23) und jetzt mit seinem Cuarteto Aguares auf einer ersten Europatournee vorstellte, wobei er neben Auftritten in Slowenien, Holland und Österreich auch beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems vor vollem Haus gastierte. Rodriguez’ Ensemble besteht aus vier Meistermusikern, die die Latin-Klezermusik mit traumhafter Sicherheit in Szene setzen. Jonathan Keren an der Violine entpuppte sich als unglaublich fingerfertiger Virtuose, der dem Bandleader am Schlagzeug an technischer Brillanz in nichts nachstand. Am Piano, manchmal  akustisch, dann wieder in elektrisch, brillierte der junge Alon Nechustan mit markanten Soli, wobei Bassist Bernie Minoso das Ganze mit federnd-elastischen Baßlinien zusammenhielt.

Komponist John Zorn hat eine Musik kreiert, die eine wunderbare Melanche zwischen der oft träumerischen Melancholie osteuropäischer Klezmermusik und dem Drive und der Lässigkeit lateinamerikanischer Rhythmen darstellt. Dabei ist es dem Cuarteto Aguares gelungen, die knappen Vorgaben des Komponisten mit originellen Arrangements und gekonnten Improvisationen zu epischen Stücken auszubauen, die dennoch keine Sekunde langweilig wirkten. Vielmehr war es faszinierend zu hören, zu welch spannendem Mix sich die jüdische Musik in der kubanischen Diaspora formte. Rumba und Klezmer gehen dabei ein überraschende Synthese ein, die verblüfft und trotzdem vollkommen organisch wirkt.

Wednesday, 20 April 2016

JAZZAHEAD-Messe - Schwerpunkt SCHWEIZ

Bunte Vielfalt

Die Schweizer Szene steht vom 21. - 24. April im Scheinwerferlicht der diesjährigen Musikmesse “jazzahead!” in Bremen


Ein Gespräch mit Uli Beckerhoff, Jazztrompeter, Hochschulehrer und einer der drei künstlerischen Leiter

cw. Welchen Stellenwert besitzt die “jazzahead!” heute für die internationale Jazzszene?

UB: Wir sind nunmehr im elften Jahr und sind stolz, dass die “jazzahead!” inzwischen zur Drehscheibe des internationalen Jazz geworden ist. Man sieht es an der Zahl der Aussteller, der Besucher, der Bandbewerbungen. Es gibt auf der Welt keinen anderen Jazz-Event dieser Art mit so vielen Teilnehmern.  Wir sind zu einer richtigen Jazzmesse geworden, die man besuchen muß, wenn man in der Branche tätig ist. Die Messe ist offen für die Öffentlichkeit, was bedeutet, dass alle unsere Konzerte extrem gut besucht sind, oft ausverkauft. Für junge Musiker stellt das eine optimale Bühne dar. Hier können sie sich sowohl der Branche als auch der Öffentlichkeit präsentieren. Selbst die Nachmittagskonzerte ziehen oft 700 und mehr Besucher an. Das spricht sich weltweit herum. Deshalb steigen die Teilnehmerzahlen. Wir sind die einzige Musikmesse auf der Welt, die derartig wächst. Die meisten anderen stagnieren oder schrumpfen sogar. Allerdings machen wir uns auch sehr intensiv Gedanken, wie die “jazzahead!” noch attraktiver werden könnte. Wir wollen, dass sie einen noch höheren Gebrauchswert für die Besucher hat. Es geht darum einen Event zu schaffen, von dem Musiker, Labels, Journalisten, Festivalveranstalter und Clubbetreiber profitieren können. Kein Mensch kommt zur “jazzahead!” nach Bremen, wenn es ihn nur Geld kostet und der Nutzen zweifelhaft ist.

Wie die Frankfurter Buchmesse hat die “jazzahead!” jedes Jahr einen Länderschwerpunkt. Welche Idee steckt dahinter?

Uli Beckerhoff: Der Länderschwerpunkt will das betreffende Land nicht nur als Jazzland präsentieren, sondern es findet ein regelrechtes Kulturfestival mit dem Partnerland statt. Es geht dabei um alle Formen von Kultur: von Kunstausstellungen über Literaturlesungen bis zu Theateraufführungen, Film, Graphik/Design und Ballett. Drei Wochen lang stellt das Partnerland sich in Bremen kulturell vor. 

Nach der Türkei, Spanien, Israel, Dänemark und Frankreich steht dieses Jahr die Schweiz im Mittelpunkt. Was hat den Ausschlag gegeben?

UB: Wie wir schon bei den Bewerbungen der Jazzgruppen für die Programmschiene “European Jazz Meeting” in den letzten Jahren bemerkt haben, gibt es in der Schweiz viele starke Gruppen. Obwohl es hundert Bewerbungen von Jazzbands aus ganz Europa gab, haben allein letztes Jahr vier Schweizer Gruppen das Rennen gemacht und wurden zum “European Jazz Meeting” eingeladen. Das deutet auf eine sehr vitale Jazzszene hin von höchster Qualität.

Wie wurden die Gruppen dieses Jahr für die “Swiss Night” ausgesucht?

UB: Wir hatten aus der Schweiz hundert Bewerbungen für acht Auftritte, sogenannte “showcases”. Das zeigt wie breit die Jazzszene dort aufgestellt ist. Eine Jury von sieben Experten hat die 100 Bewerbungen durchforstet. Mehr als 20 Gruppen kamen in die engere Auswahl, wobei dann noch einmal gesiebt wurden: acht Gruppen blieben übrig!

Welchen Stellenwert räumen sie der Schweizer Jazzszene im internationalen Kontext ein?

UB: Die Schweizer Jazzmusiker agieren zweifellos auf internationalem Niveau. Das hat wohl mit der hochkarätigen Musikhochschullandschaft zu tun, wo ja auch viele europäische und amerikanische Musiker unterrichten, ob der Engländer Django Bates in Bern oder der Amerikaner Gerry Hemingway in Luzern. Das bringt auf die Dauer natürlich eine Vielzahl von hochtalentierten und vorzüglich ausgebildeten Musikern hervor.

Welche jungen Talente haben sie persönlich am meisten beeindruckt?

Julian Sartorius
UB: Wir hatten nur acht Plätze für die “showcase”-Auftritte aus der Schweiz zur Verfügung. Wir hätten aber viel mehr Gruppen spielen lassen können, so exzellent war die Qualität. Besonders aufgefallen ist mir die Vokalistin Elina Duni, die mit dem Colin Vallon Trio auftritt – eine vorzügliche und sehr orginelle Sängerin. Dann halte ich den jungen Schlagzeuger Julian Sartorius für ein Riesentalent. Er spielt ein Schlagzeug-Soloset, ist aber gleichzeitig auch im Colin Vallon Trio zu hören. Wie auch in anderen Ländern, gibt es auch in der Schweiz einen ganz breiten bunten Stilmix: freies Spiel, rockigen Jazz, durchkomponierte Musik, elektronischen Jazz, minimalistischen Jazzfunk – eine ungeheure Vielfalt! Für ein kleines Land wie die Schweiz ist das äußerst beeindruckend. Was auffällig ist: Es gab aus der Schweiz mehrere unheimlich gute Klaviertrios, von denen es letztendlich nur das Colin Vallon Trio und Plaistow in die “showcases” geschafft haben. Andere wie Yves Theiler und sein Trio, ebenfalls eine vorzügliche Formation, werden in der “Clubnight” im Rahmen der “jazzahead!” zu hören sein.
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Tuesday, 5 April 2016

Schlacht(hof)-Fest(ival) 2016 mit IRMLER & LIEBEZEIT



Irmler & Liebezeit (G), Weird Beard (CH), Isabel Ettenauer (A), Bruno Kliegl (G), Lefta (G)

Schlacht(hof)-Fest(ival) 2016

Samstag, 23. Juli 2016 / Beginn: 17 Uhr / Sigmaringen, Alter Schlachthof

Weird Beard aus Zürich



Nach einer Pause von ein paar Jahren findet dieses Jahr wieder das Schlacht(hof)-Fest(ival) in Sigmaringen statt. Am Samstag, den 23. Juli 2016 wird ab 17 Uhr ein exquisiter Kreis von Musikern und Bands im Alten Schlachthof zu hören sein.


Die Nachmittagskonzerte finden wie bewährt in den kleinen Atelierräumen statt, die sich dafür in ein Museum der vergessenen Klänge verwandeln. Dort ist dann Isabel Ettenauer aus St. Pölten zu hören, eine Tastenmusikerin, die sich auf das Toypiano spezialisiert hat. Das Kinderklavier wurde 1872 vom Göppinger Auswanderer Albert Schoenhut in den USA erfunden. Die Österreicherin spielt auf den Kinderklavieren zeitgenössische Kompositionen, bei denen der glockenhellen Klang des Instruments elektronisch reizvoll verfremdet wird.

Ein anderes nicht weniger rares Instrument spielt Bruno Kliegl: die Glasharmonika! Das Instrument ist aus dem Weingläser-Spiel hervorgegangen und wurde 1761 von Benjamin Franklin erfunden. Rotierende Glasschalen, mit feuchten Finger berührt, geben wundersam ätherische Klänge von sich. Schon Mozart hat für das Instrument komponiert.

Die Gruppe Lefta widmet sich der alten griechischen Rembetika-Musik, gespielt von Instrumenten wie Baglama, Bouzouki und Klarinette. Rembetika ist der alte ägäische Blues, der ursprünglich von Gauner, Streuner und Taschendieben in den Spelunken der griechischen Hafenstädte gespielt wurde.

Ab 20 Uhr geht es dann auf der Hauptbühne weiter, wo zuerst die Zürcher Gruppe Weird Beard ihren mitreißenden Mix aus Jazz, Rock und psychedelischen Klängen präsentieren wird. Das Quartett aus den besten jungen Musikern und Musikerinnen der Schweiz wird vom Saxofonisten Florian Egli angeführt. Zwei Krautrocklegenden bilden den Abschluß. Hans Joachim Irmler (Faust) und Jaki Liebezeit (Can) sind musikalisch nicht stehengeblieben. Liebezeits hypnotische Trommel-Grooves verbinden sich mit Irmlers schillernden Keyboard-Sounds zu einem reißenden Klangstrom. Das Gespann gab vor drei Jahren sein Debut im Sigmaringer Schlachthof und hat seither mit einem Album und Konzertauftritten im In- und Ausland Fans und Kritiker gleichermaßen begeistert.

Vorverkauf ab Juni: www.schlachthof-sigmaringen.de