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Saturday, 18 February 2023
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Tuesday, 14 February 2023
Saturday, 21 January 2023
JAZZTRENDS: Tom Skinner auf den Spuren von Tony Williams
Der Drummer gibt die Richtung vor
Als Schlagzeuger der Sons of Kemet wurde er bekannt, jetzt veröffentlicht Tom Skinner ein Album unter eigenem Namen – Shabaka Hutchings und Nubya Garcia sind mit von der Partie
Tom Skinner (Foto: C. Wagner)
cw. Tom Skinner wirkt immer leicht gehetzt. Es ist auch nicht einfach in der Metropole London, ein Leben als junger Familienvater von zwei Kleinkindern mit dem Beruf eines professionellen Schlagzeugers und Komponisten zu vereinbaren. Da hastet man dann doch öfters von einer Bandprobe, einer Session oder einem Studiotermin schnell nach Hause, um den Nachwuchs pünktlich vom Kindergarten abzuholen.
Hektik zeichnet Skinners Alltag aus, noch mehr, wenn er auf Tour ist, wobei die Sons of Kemet in den letzten zehn Jahren die Band war, mit der er am häufigsten unterwegs war. Aber auch Gruppen wie Melt Yourself Down sowie Musiker und Musikerinnen wie Mulatu Astatke, Alexander Hawkins, Eska oder Matthew Herbert haben seine Dienste in Anspruch genommen, aus dem einfachen Grund: Skinner gilt als einer der besten Drummer der britischen Szene. Das haben wohl auch Thom Yorke und Jonny Greenwood von Radiohead erkannt, die mit ihm zusammen vor zwei Jahren die Gruppe The Smile ins Leben riefen.
Im Frühjahr 2020 hatte Skinner auf einmal etwas, was er sonst nie hatte: Zeit! Die Pandemie brachte alle Aktivitäten zum Erliegen. Und nun – was tun? Glücklicherweise hatte er ein Plattenprojekt in der Mache, das bereits aufgenommen war. Skinner verwendete die Auszeit, um sich intensiv dem Abmischen der Aufnahmen zu widmen. Zwei Tage pro Woche nutze er das kleine Studio eines Bekannten, um den Einspielungen den letzten Schliff zu geben. Das Endergebnis ist das Album „Voices of Bishara“, das gerade auf Gilles Petersons Brownwood-Label erschienen ist.
Der Ursprungsimpuls reicht bis ins Jahr 2018 zurück. Skinner bekam damals das Angebot, einen Abend im Londoner Club „Brilliant Corners“ (nach dem berühmten Album von Thelonious Monk benannt) zu bestreiten, in einer Reihe, die unter der Überschrift „Played Twice“ läuft. Die Spielregeln lauten: Jeweils ein Musiker kuratiert einen Abend und wählt dafür ein klassisches Album aus, das in der besten Vinylpressung, die aufzutreiben ist, in der ersten Hälfte der Veranstaltung auf einer hochwertigen Stereoanlage in Gänze gespielt wird. Danach reagiert dann eine vom Kurator zusammengestellte Band auf das soeben gehörte.
Skinners Wahl fiel auf das Album „Life Time“ von Tony Williams, das 1964 bei Blue Note erschienen ist. Es war die erste Einspielung des damals 19-jährigen Drummers unter eigenem Namen. Mit Sam Rivers (Tenorsaxofon), Herbie Hancock am Piano und Bobby Hutcherson (Vibrafon), dazu abwechselnd Richard Davis, Gary Peacock oder Ron Carter am Bass entwarf Williams einen modernen Jazz, der sich kompositorisch und improvisatorisch in Neuland vortastete, sich dabei sogar in die Zonen des freien Jazz vorwagte.
Die Band, die Skinner für den Gig zusammenrief, war ein fünfköpfiges Ensemble, das auf der einen Seite aus den Bläsern Shabaka Hutchings (Tenorsaxofon und Baßklarinette) und Nubya Garcia (Tenorsaxofon und Querflöte) bestand, auf der anderen die Streich- und Zupfmusiker Tom Herbert (Kontrabaß) und Kareem Dayes (Cello) umfasste, mit dem Bandleader in der Mitte, der als Drummer und Perkussionist die Richtung vorgab. Der Abend verlief so vielversprechend, dass Skinner über eine Fortführung des Projekts nachdachte.
Er entwarf ein halbes Dutzend Stücke, komponierte Melodien, dachte über Strukturen und Formen nach, um die ausnotierten Passagen und die Improvisationen in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen. Unter dem Titel „Red 2“ wurde auch eine Komposition von Tony Williams interpretiert – das Eröffnungsstück „Two Pieces Of One: Red“ vom „Life Time“-Album.
Nachdem das Konzept stand, buchte Skinner ein Studio. Dort wurden sechs Titel eingespielt, wobei ein spiritueller Jazz zu hören war, der den Geist der 1960er Jahre atmete, dabei eine Gratwanderung zwischen themenbasierter Improvisation, freiem Spiel und auskomponierten Teilen unternahm, wobei er die gelegentlich eruptiven Ausbrüche als hymnische „fire music“ zelebrierte.
Tom Skinner Voices of Bishara: The Journey (Youtube)
Mit diesem Material machte sich Skinner pandemiebedingt an die Post-Produktion. „Da wir die Musik live im Studio eingespielt hatten, ließ das nicht viel Spielraum für größere Eingriffe,“ erklärt der Drummer. „Ich habe behutsam hier ein bisschen Hall hinzugefügt, dort den Klang ein bisschen räumlicher gestaltet oder die Balance der Instrumente verändert, auch ein paar deutlichere Cuts vorgenommen, um Kontraste zu schaffen.“
Als im Frühjahr 2022 die Sons of Kemet den „kollektiven Entschluß“ (Tom Skinner) fassten, die Band aufzulösen, verringerte das den Streß in Skinners Alltag etwas und machte neue Aktivitäten möglich: Der Drummer fasste ein paar Auftritte mit dem „Bishara“-Ensemble ins Auge, wobei er nicht an die Originalbesetzung dachte, da Shabaka Hutchings und Nubya Garcia in der Zwischenzeit zu internationalen Stars geworden waren, mit einem Terminkalender, der wenig Spielraum für anderes läßt. Aus diesem Grund hat Skinner bereits zwei andere Holzbläser einbezogen: den Saxofonisten und Klarinettisten Robert Stillman sowie die Tenorsaxofonistin und Flötistin Chelsea Carmichael. Mit ihnen wurden erste Auftritte absolviert, was Lust auf weitere machte. Gut möglich, dass aus der ad-hoc-Band doch noch ein festes Ensemble wird.
Tom Skinner: Voices of Bishara (Brownwood)
Sunday, 15 January 2023
SCHEIBENGERICHT 12: Twinkle3 featuring David Sylvian
Haikus als Zauberformeln
Twinkle3 mit David Sylvian
Twinkle3
Wertung: 4 von 5
cw. Es kommt nicht häufig vor, dass Popstars zu Avantgardisten werden: Scott Walker war so ein Fall. David Sylvian ist ein anderes Beispiel. Seit der Sänger 1983 die Popgruppe Japan verließ, folgte er seiner künstlerischen Intuition, die ihn mehr und mehr in experimentelle Breitengrade führte. Für seine Alben zog er Musiker wie Holger Czukay, John Tilbury, Arve Henriksen, Evan Parker und Keith Rowe heran, die unter seiner Regie Klanglandschaften zwischen Ambient, Experiment und freier Improvisation kreierten.
Jetzt leiht Sylvian einem Album des englischen Trios Twinkle3 seine Stimme, das aus den Elektronikern Richard Scott und Dave Ross sowie dem Spezialisten für asiatische Blasinstrumente, Clive Bell, besteht. Die drei erzeugen abstrakte „Soundscapes“, die vor Elektrizität nur so brickeln und knarzen. Da tickt es geigenzählermäßig, danach heben sturmartige Turbulenzen an, während in einem anderen Stück mächtige Soundwellen an eine imaginäre Küste schlagen.
David Sylian (SAMADHISOUND)
Die mit Bedacht gesetzten, angerauhte Langtöne, die Clive Bell der japanischen Bambusflöte Shakuhachi entlockt, geben den Improvisationen eine dramatische Note. Mit der thailändischen Mundorgel Khene wechselt Bell zeitweise zu einem rhythmischen Spiel mit Intervallen und Akkorden, wobei er bei einem anderen Titel verhangene Töne auf einem Blasinstrument namens Pi Saw aus Laos bläst.
Im freien Interagieren entfaltet sich dabei ein faszinierendes Vexierspiel zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten. Dass die Blastöne zusätzlich noch verfremdet und mit Hall und Echo verändert werden, trägt zur zusätzlichen Verrätselung bei.
Überraschenderweise tritt David Sylvian nicht als Sänger auf, sondern agiert ausschließlich als Rezitator mittelalterlicher Gedichte, die um Tod, Abschied und Vergänglichkeit kreisen. Im Kontrast dazu rezitiert die ehemalige Vokalistin der Frank Chickens , Kazuko Hohki, Haikus sowie japanische Verse aus dem 16. Jahrhundert, die für westliche Ohren wie geheimnisvolle Zauberformeln klingen.
Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: I Borrow Moonlight (Youtube)
Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: Upon This Fleeting Dream (Cortizona)
Monday, 2 January 2023
Radioportrait: LYLE LOVETT; SWR2, 19. Januar 2023 (20:05) / Wiederholung: 3. Oktober 2023 (23:05)
Keine Angst vor großen Gefühlen
Lyle Lovett und die Klangvielfalt des amerikanischen Südens
Lyle Lovett (Promofoto: Michael Wilson)
Radio Radio Radio: Über Nashville hinaus – Countrysänger Lyle Lovett
cw. Bei manchen progressiven Musikfans hat die Countrymusik keinen guten Ruf. Sie gilt als konservativ in der Form und reaktionär, was die Inhalte betrifft: „Redneck Music“ eben! Allerdings stellt sich der Sachverhalt bei genauerer Inspektion etwas komplizierter dar, hat der Nashville-Stil doch in seiner mehr als 100jährigen Geschichte regelmäßige Häutungen erfahren. Egal ob die frühe Countrymusik die Hawaii-Gitarre und das alpine Jodeln übernahm, der weiße Hillbilly-Sänger Jimmie Rodgers den schwarzen Jazztrompeter Louis Armstrong ins Studio holte oder Loretta Lynn nach dem 2. Weltkrieg gegen ein Macho-Frauenbild ansang, stets zeigte sich das Genre aufgeschlossen für aktuelle musikalische und gesellschaftliche Umbrüche und Tendenzen.
Mitte der 1980er Jahre entstand unter dem Banner „Alternative Country“ eine Bewegung junger Musiker, die dem polierten und genormten Nashville-Sound eine kühnere Ästhetik entgegensetzten. Der Singer-Songwriter Lyle Lovett (Jahrgang 1957), der vor Jahren durch seine kurze Ehe mit dem Filmstar Julia Roberts in die Klatschspalten der Presse geriet, kommt aus dieser Ecke. Aus dem einstigen Rebellen mit buschigem Haar ist inzwischen ein graumelierter „elder statesman“ der Südstaatenmusik geworden, der die ganze Palette an traditionellen Stilen beherrscht, die er aber immer wieder gegen den Strich bürstet.
Lovett stammt aus Texas, wo in den 1940er Jahren eine Musikrichtung Konjunktur hatte, die den populären Bigbandjazz von Bandleadern wie Count Basie, Glenn Miller und Duke Ellington mit der Countrymusik eines Hank Williams und Bill Monroe verband. „Western Swing“ wurde der Mix genannt, zu dessen Aushängeschild Bob Wills & His Texas Playboys wurden.
Bob Wills & His Texas Playboys
Im „Lone Star State“ aufgewachsen, hat Lyle Lovett den „Lone Star Swing“ mit der Muttermilch eingesogen. Schwarzer Jazz und weiße Countrymusik stellen für ihn kein Gegensatzpaar dar, im Gegenteil: Für Lovett sind sie natürliche Verbündete – populäre Musikstile der unteren Schichten. Schon in seiner Schulzeit lernte der Teenager neben Gitarre und Klavier auch Saxofon spielen, um im Blasorchester der Schule mitmachen zu können, das etliche „Jazztunes“ im Repertoire hatte.
Die Spur des „Western Swing“ zieht sich wie ein roter Faden durch Lovetts inzwischen fast 40jährige Karriere. 1986 erschien sein Debutalbum, zwei Jahre später gründete er die „Large Band“, eine Bigband mittleren Formats, die sowohl Jazzinstrumentalisten mit Saxofon, Trompete und Posaune als auch Countrymusiker mit Pedal-Steel-Gitarre, Mandoline und Fiddle umfasste.
Zehn Jahre nach seinem letzten Studioalbum, nimmt Lovett nun diesen Faden wieder auf, indem er geschickt Country- und Folktraditionen mit Jazzelementen verbindet, dabei er auch Kompositionen von Jazzgrößen wie Nat King Cole übernimmt. „Die meisten Musiker in der Band sind mit Jazz vertraut, vor allem die Bläser,“ erklärt Viktor Krauss, Kontrabassist der „Large Band“, der selbst einen Jazz- und Rockbackground hat. „Das sind Eigenschaften, die Lyle Lovett schätzt. Er sucht Musiker mit einem breiten Spektrum, weil er selbst in vielen Stilen daheim ist.“
„12th of June“ ist Lovetts zwölftes Studioalbum, was nur unterstreicht: Der Singer-Songwriter ist kein Vielschreiber. Der vierfache Grammy-Gewinner arbeitet lange an einem neuen Song, läßt sich Zeit mit seinen Plattenproduktionen, probiert die Titel zuvor ausgiebig bei Konzertauftritten aus, um sie gegebenenfalls noch einmal zu überarbeiten. „Die meisten Stücke des neuen Albums hatten wir seit längerem im Repertoire, sie waren uns völlig geläufig, als wir ins Studio gingen,“ erzählt Viktor Krauss. „Das nimmt einem die Nervosität vor dem Mikrofon.“
Lyle Lovett – 12Th of June (youtube)
Lässig und entspannt klingen dann auch die Aufnahmen, die ausnahmslos „live“ im Studio eingespielt wurden. Die Titelfolge des Albums folgt der Dramaturgie einer Vaudeville-Show. Als Intro spielt die Band eine rasante Instrumentalnummer – „Cookin' at the Continental" von Horace Silver –, bevor der Sänger die Bühne betritt und sich in den ersten Song stürzt, eine fetzige Nummer namens „Pants is overrated“. Danach wird die Dynamik runtergefahren. Es folgt eine Swing-Nummer von Nat King Cole, dem sich ein weiterer Jazzklassiker anschließt, eine Nachtclub-Ballade aus den 1920er Jahren. Diesen Song singt Lyle Lovett im Duett mit der schwarzen Bluessängerin Francine Reed – schummrig-schön inszeniert mit Klavierspiel wie aus der Cocktail-Bar und einem röchelnden Saxofon. Lovett erweist sich einmal mehr als vokaler Tausendsassa, der in nahezu jedem musikalischen Genre zu glänzen weiß. Ob Country, Southern Soul, New Orleans Funk, Gospel, Swing oder Blues – Lovett meistert sie alle.
Wegen seiner Ohrwurm-Qualität ragt der Titelsong „12th of June“ heraus, eine Dankbarkeitshymne an das Leben, die Lovett mit gebührendem Pathos intoniert und mit der er ganz ungeschützt den Tag feiert, an dem 2017 seine Zwillingskinder zur Welt kamen. In der Countrymusik geht man großen Gefühlen nicht aus dem Weg – im Gegenteil: Lyle Lovett zelebriert sie geradezu.
Radiosendung:
Über Nashville hinaus – Countrysänger Lyle Lovett
Donnerstag, 19.1.2023 / 20:05-21:00 Uhr SWR2 Musikpassagen, SWR2
Zum Nachhören:
Die Sendung wird am Dienstag, 3. Oktober 2023 (23:05–24:00) auf SWR2 wiederholt.
Saturday, 24 December 2022
SCHEIBENGERICHT 11: Excavated Shellac – An Alternate History of the World's Music
Eine Welt- und Zeitreise in Schellack auf den Spuren traditioneller Musikstile
cw. Die Erfindung der Schellackplatte und des Grammophons Ende des 19. Jahrhunderts bildete den Startschuss für einen Wettlauf um die Märkte der Welt. Da die jungen Unternehmen der neuen Phonobranche sowohl Schallplatten als auch Abspielgeräte herstellten und verkaufen wollten, entstand innerhalb kürzester Zeit ein enormer Bedarf an Musik aus allen Teilen der Welt, die in Schellack gepresst als Kaufanreiz für Grammophone dienten. Die Hersteller hatten die Erfahrung gemacht, dass die Plattenspieler mit Schallhorn nur dann gekauft würden, wenn ein attraktives Schallplattenangebot bestand mit Musikstilen, die vor Ort populär waren.
Diese Einsicht setzte eine Schar von Aufnahmeteams in Bewegung, die nun rund um den Globus reisten, um mit lokalen Musikern Einspielungen zu machen. Die Wachsplatten, auf denen die Musik „eingeritzt“ wurde, ließen nur Stücke mit einer Länge von ein bisschen mehr als drei Minuten zu, was vielen Musikstilen Beschränkungen auferlegte.
Die “recording trips”, ob in Afrika, Asien, der Karibik oder Lateinamerika, gingen selten reibungslos vonstatten. Fremde Sprachen und Gebräuche, andere Mentalitäten und Gepflogenheiten, extremes Klima, politische Wirren sowie Transportprobleme konnten die Aufnahmeexkursionen zu einem Alptraum werden lassen. Starke Nerven waren gefragt.
Bildmaterial: Sammlung C. Wagner
Neben der englischen Grammophone Company, aus der später His Master Voice (HMV) wurde, den amerikanischen Labels Victor und Columbia war die deutsche Firma Odeon aus Berlin einer der Hauptakteure auf dem neuen internationalen Phonomarkt. 1906 enthielt allein der Odeon-Katalog bereits 11000 Titel mit außereuropäischer Musik, was eine Ahnung von der explodierenden neuen Branche gibt.
Das amerikanische Schallplattenlabel Dust to Digital, hat sich seit seiner Gründung 1999 mit mustergültigen Wiederveröffentlichung historischer „Weltmusik“ einen exzellenten Ruf erworben, woran die aktuelle Veröffentlichung nahtlos anknüpft.
Die aus vier CDs bestehende Box ist unter dem Titel „Excavated Shellac“ erschienen, was ausgegrabenes oder geborgenes Schellack bedeutet. Sie enthält – bunt gemischt – hundert Titel aus aller Welt, aufgenommen zwischen 1907 und 1967, dem Zeitpunkt, als Schellackplatten nur noch in ein paar periphären Regionen in Gebrauch waren.
Jonathan Ward heisst der Sammler, aus dessen Kollektion die raren Schellacks stammen und der für die exzellente Zusammenstellung und die detaillierten Kommentare verantwortlich zeichnet. Eine bewundernswerte Fleißarbeit von höchster Qualität! Unter den einhundert Aufnahmen finden sich etliche Perlen, während man sich für ein paar Länder, etwa die Schweiz und Deutschland, musikalisch aufregendere Titel gewünscht hätte.
Die 4-CD-Box wird ergänzt von einem 185 Seiten dicken Booklet, das mit Plattenhüllen, Fotos und Plakaten wunderbare illustriert ist und gleichzeitig zu jedem Titel so viel Information liefert, wie man sich nur wünschen kann. Das verwandelt die Produktionen in eine musikalische Welt- und Zeitreise, eine spannende Abenteuerfahrt in abseits gelegene musikalische Gegenden und Regionen längst vergangener Epochen.
Excavated Shellac – An Alternate History of the World's Music (Dust To Digital)
Thursday, 22 December 2022
Simon Steiner: Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie
Gastautor Simon Steiner
"Ich will eine Prinzessin"
Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie
Musik ist immer grenzüberschreitend und verbindet. Das Rembetiko "Ich will eine Prinzessin" ist ein Beispiel für die Koexistenz unterschiedlicher Interpretationen in verschiedenen Ländern, in die sich der Song einbürgerte.
Schellack des Rembetiko Hits (Kounadis-Archive, alle Rechte)
Die wunderschöne Melodie des Rembetiko - Hits "Ich will eine Prinzessin", von Panagiotis Tountas, Piräus, 1936, wurde bereits 1910 von der jüdischen Klezmer-Band Stupels Vilna Orchestra in Vilna, Litauen, als Schlussteil des "Karaite Medley" aufgenommen, später auf dem Balkan und dem östlichen Mittelmeerraum, den USA und wieder in Griechenland. Der Musikwissenschaftler und Pianist Nikos Ordoulidis vom Eastern Piano Project verfolgte die Reise dieser wandernden Melodie anhand einer historischen Diskographie und konnte gemeinsame Einflüsse und originelle Veränderungen nachweisen.
Panagiots Tountas (Kounadis-Archiv, alle Rechte)
Die Reise ist unendlich, denn Melodien sind grenzenlos. Es ist selbstverständlich, dass in Zukunft noch weitere Aufnahmen zu unserem Thema auftauchen werden. Wer sich in die Arrangements hinein fühlt, hört die Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Melodie und versteht, warum sie Musiker aus Litauen, Serbien, der Ukraine, der Slowakei, Griechenland, Ungarn und Rumänien ermutigen, die Melodie in ihr lokales Repertoire aufzunehmen und zu verwerten. Auch der Gast-Autor dieser Zeilen hat sich mit Alain Domagala aus Marseille und dem Stuttgarter Stromraum-Tandem "eo" an die Prinzessin gewagt.
link zu diablog, in deutscher und griechischer Sprache:
https://diablog.eu/kuenste/musik/ich-will-eine-prinzessin-die-reise/
link zur Griechenland Zeitung:




