Saturday, 18 February 2023

Yoko Ono zum 90sten


Klang der Dunkelheit

Yoko Ono: von Fluxus über die Beatles und darüber hinaus 



cw. Yoko Ono bellt Urlaute heraus. Ihre Stimme überschlägt sich, Sie klingt so schrill, exaltiert und durchdringend wie der Gesang im japanischen Noh-Theater. Stöhnen, Heulen und Seufzen kommen dazu. Dissonante Akkorde und Rückkopplungen verdichten sich. Gitarrensaiten werden gedehnt und gezogen. Die amerikanische Vokalistin ist in ihrem Element und schöpft die ganze Bandbreite ihrer Stimmkunst aus.

Ihr Album “YokoKimThurston” hat Yoko Ono mit zwei “guten Freunden” eingespielt. Damit sind die Rock-Avantgardisten und Ex-Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic-Youth gemeint, der  alternativen Rockband, die seit den 80er Jahren stilprägend gewirkt hatte und sich vor zehn Jahren aufgelöst hat. Mit der Einspielung kehrt Ono zu ihren Anfängen zurück: den radikalen Experimenten in der Untergrund-Szene von Downtown Manhattan, als sie sich mit Schrei-Performances und Konzept-Kunst einen Namen machte. Yoko Ono ruft damit eine mehr als 60jährige Erinnerung wach, die Anfang der 60er Jahre unter dem Stichwort “Fluxus” begann.



September 1962. Im städtischen Museum in Wiesbaden findet unter der Überschrift “Fluxus - Internationales Festival Neuster Musik” ein großes Tohuwabohu statt. Das Ereignis bringt zum ersten Mal die extremsten Avantgardisten und Kunstrebellen aus der ganzen Welt zusammen. In 14 Konzerten werden alle Register der Anti-Kunst gezogen und die Vorstellungen konventioneller Ästhetik auf den Kopf gestellt. Es geht um Schock, Provokation und Skandal. Als Höhepunkt wird ein Klavier zertrümmert, was einen Reporter zu der Schlagzeile veranlasst: “Die Irren sind los!”

Frauen sind in der Fluxus-Szene eine verschwindende Minderheit. Yoko Ono liefert einen der wenigen weiblichen Beiträge zum Wiesbadener Festivalprogramm. Ein paar ihrer Werke werden aufgeführt, darunter “Ein Stück, um den Himmel zu sehen.” Ono, die später als Gattin des Beatle John Lennon zu Weltruhm gelangt, hatte sich mit radikalen Kunstaktiviäten für das Ereignis empfohlen. In ihrem New Yorker Loft-Studio hatte sie seit 1960 die “Chambers Street Concerts” veranstaltet, wo etwa die “Smoke Paintings” zu sehen waren, brennende Gemälde, die sich in Rauch auflösten.



“Ich spielte eine Reihe von Konzerten mit La Monte Young,” erinnert sich Ono. “John Cage überredete all diese tollen Leute, zu unseren Konzerten zu kommen: Peggy Guggenheim, Duchamp, Max Ernst.” Bei einer anderen Aktion namens “Painting To Be Stepped On” wurde eine Leinwand auf den Fußboden ausgebreitet, wobei sich durch die Schuhabdrücke der Besucher allmählich ein abstraktes Bild ergab. Und dazwischen immer wieder die “Cry Pieces” – Schrei-Stücke: “Mit solchen Geräuschen und Gefühlen wollte ich arbeiten: der Klang der Angst und der Dunkelheit,” kommentierte Ono ihre Aktionen.

1933 geboren, stammt Yoko Ono aus einer vermögenden Tokioer Bänkersfamilie. Mit dem Reichtum ging eine profunde musikalische Ausbildung einher. Ono erhielt privaten Musikunterricht, nahm Gesangstunden und übte  “German Lieder”. Als Onos Vater zum Leiter der Bank of Tokyo in New York befördert wird, kommt sie in den 50er Jahren in die USA, um an einer Eliteuniversität Philosophie und Komposition zu studieren. Einer ihrer Mitstudenten ist George Maciunas, der später zum Initiator und Namensgeber der Fluxus-Bewegung wird und Ono in seiner New Yorker Galerie ausstellt.

Die  Geschäfte mit avantgardistischer Kunst gehen schlecht. Gläubiger sind Maciunas auf den Versen. 1961 setzt er sich nach Deutschland ab, wo er für die US-Armee in Wiesbaden als Grafikdesigner arbeitet. Rasch knüpft er Kontakte zu Künstlern wie Joseph Beuys und Avantgarde-Komponisten wie Karlheinz Stockhausen. Maciunas sorgt wohl auch dafür, dass Onos Konzept-Stücke beim Fluxus-Event in Wiesbaden zur Aufführung kommen.

Neben Wiesbaden ist Wuppertal ein anderes Zentrum der neo-dadaistischen Bilderstürmerei. Hier finden in der Galerie Parnass Ausstellungen mit neuer Kunst und auch erste Fluxus-Happenings statt. “In einer Ausstellung präsentierte Nam June Paik seine präparierten Klaviere und ähnliche musikalischen Apparaturen, die vom Publikum bespielt werden konnten. Ich hing in der Galerie rum, wenn etwas geboten war, und half Paik,” erinnert sich der angehende Freejazz-Saxofonist und damalige Student an der Wuppertaler Werkkunstschule Peter Brötzmann. “Jede Tag oder jeden anderen Tag ging ich mit meinen Freunden Tomas Schmit und Manfred Montwe in die Galerie, um die zumeist sehr fragilen Instrument-Installationen, manche mit Plattenspielern, Tonbandgeräten oder Ferseh-Monitoren, wieder herzurichten, wenn sie in Mitleidenschaft gezogen worden waren.”

Brötzmann begleitete Paik zu einem 2-tägigen Fluxus-Event nach Amsterdam. “In einem alten Kino wurde ein Flux-Fest von der Galerie Amstel 47 veranstaltet. Ich war als Akteur dabei und an einigen von Paiks Stücken beteiligt,” erinnert sich der Saxofonist. “Yoko Ono habe ich erst einige Zeit später getroffen, ebenfalls in Holland bei einem Event, den Anita Schoonhoven organisiert hatte, deren Mann Jan Schoonhoven ein maßgeblicher Künstler der Zero-Gruppe war. Anita war vom neuen Jazz angetan. Sie organisierte Konzerte, und auf einem tanzte Yoko Ono herum. Ich habe nicht gedacht, dass es von großer Bedeutung war, was sie gemacht hat – eigentlich nur ein bisschen nackt und ein bisschen bemalt. Dennoch war sie neben Charlotte Moorman, Mary Bauermeister, die mit Stockhausen liiert war, und Alison Knowles eine der wenigen Frauen, die sich überhaupt in diesem Umfeld künstlerisch behaupteten.”

Die Künstlerin Mary Bauermeister organisierte zu der Zeit in Köln im kleinen ‘Theater am Dom’ frühe Fluxus-Aktionen, sei es mit eigenen Arbeiten oder Kompositionen von Stockhausen. “John Cage und David Tudor waren einmal da, ebenso Nam June Paik,” erzählt Brötzmann. “Das Dreieck Wuppertal, Köln und Düsseldorf war ein Zentrum solcher Aktivitäten. Joseph Beuys war in Düsseldorf, den ich damals mit Paik in seinem Studio besucht habe und der auch Interesse an Musik zeigte und ein paar Mal zu unseren Aktionen in Wuppertal kam. Grenzen zwischen bildender Kunst und Musik gab es damals nicht.”

1964 kam es zum Eklat. Als Stockhausens experimentelles Musktheaterstück “Originale” in New York von u.a. Mary Bauermeister, Allen Ginsberg und Nam June Paik aufgeführt wurde, protestierten die Fluxus-Mitglieder George Maciunas, Tony Conrad und Henry Flynt vor dem Konzerthaus gegen die Veranstaltung, wobei Flynt in einem Pamphlet Stockhausens Ablehnung von außereuropäischer und populärer Musik als “kulturellen Imperialismus” brandmarkte. Damit war der Split vollzogen. Politisch linksgerichtete Fluxus-Mitglieder attackierten ihre eher individualistischen und politisch indifferenten Kollegen, die wiederum die stramme politische Ausrichtung als “Agit Prop” ablehnten. Das Schisma ging als der “erste Tod” von Fluxus in die Annalen der Kunsthistorie ein. “Verräter, du hast Fluxus verlassen!” hieß es auf einer Postkarte, die Maciunas an Paik schickte.

1966 stellte Yoko Ono ihre Installationen in einer kleinen Galerie in London aus, wo sie John Lennon von den Beatles traf. Bald galt das Paar als unzertrennlich und sorgte mit spektakulären Aktionen wie dem Amsterdamer “Bed-In”-Happening gegen den Vietnam-Krieg für Schlagzeilen.  Beatles-Fans waren auf Yoko Ono nicht gut zu sprechen: Ihr wurde die Trennung der Fab Four angelastet. Mit Lennon nahm Ono einige radikale Schallplatten auf, die eine Verbindung zwischen Fluxus und Rock ‘n’ Roll anstrebten, was dem Beatle den Fluxus-Ritterschlag vom Flux-Erfinder George Maciunas höchstpersönlich einbrachte, aber auch viele Verrisse, Spott und Hohn.

Nach dem Mord an Lennon im Jahr 1980 führte Yoko Ono die musikalischen Aktivitäten fort, oft im Gespann mit ihrem Sohn Sean Lennon, wobei sie von Jazzfunk über experimentellen Rock bis zu Electronica und Remixes immer wieder musikalisches Neuland betrat, getrieben von einer scheinbar unerschöpflichen kreativen Neugier.

Die Fluxus-Ära bildet neben den Jahren mit Lennon das Kernstück einer Biographie, die der Journalist Nicola Bardola über Yoko Ono verfasst hat. Bienenfleißig hat er die ganze Ono- und Lennon-Literatur durchforstet, dabei viele Fakten zusammengetragen, die er nun flüssig referiert. Allerdings fehlt ihm neben der Sachkenntnis und dem Vokabular, auch das theoretische Handwerkszeug, um Yoko Ono im Kontext der Fluxus-Bewegung kunsthistorisch kompetent einzuordnen.

Weil Bardola mit Ono selbst kein Interview führen konnte, hat er alle Fakten aus der umfänglichen Sekundärliteratur und diversen Online-Quellen destilliert. Ebenso wenig hat der Autor alte Weggefährten konsultiert, wie etwa den Minimalisten La Monte Young, der immerhin einmal Onos Lover und Fluxus-Kompagnon war, oder den politischen Fluxus-Aktivisten Henry Flynt. Beide hätten sicherlich Erhellendes z.B über den Konflikt zwischen der politischen und apolitischen Fluxus-Fraktion beitragen können und Onos Haltung dazu.

                                                                                                             John Tchicai

Der Mangel an “First-Hand-Information” erweist sich auch bei der Behandlung des Albums “Unfinished Music No 2 – Life with the Lions” als Handicap. Wie Bardola schreibt, spielen auf der Live-Aufnahme “Cambridge 1969” mit Lennon und Ono “noch ein Saxofonist und ein Schlagzeuger.” Hätte er den Saxofonisten John Tchicai, immerhin ein maßgeblicher Neuerer im Jazz seit den 60er Jahren, befragt, wäre ihm wenig Schmeichelhaftes über seine Heldin zu Gehör gekommen: “Auf Tantiemen warteten wir vergeblich. Ich schrieb Briefe an Yoko Ono, um meinen Anteil zu reklamieren, bekam aber keine Antwort,” weiß Tchicai über die Multirmillionärin zu berichten. “Das ist Diebstahl und eine Schande, dass Leute so tief sinken, Musiker, die sowieso wenig verdienen, um ihre Ansprüche zu prellen.” In der Hagiographie von Bardola hätten solche Fakten das Heiligenbild nur gestört.


                                                                                                                                    Foto: Lester Cohen

Yoko Onos Album ist da von größerer Qualität, das auf ihrem eigenen Chimera-Label erschienen ist. Die Bandbreite der weitgehend improvisierten Titel reicht von entrückten Gesangsstücken mit verzerrten Gitarrensounds über Gedichtrezitationen in verteilten Rollen bis zur Nummer “Mirror Mirror”, die das Grimm’sche Märchen “Schneewittchen” variiert. Gegenüber den jüngeren Begleitmusikern fällt die Fluxus-Oma nicht ab – im Gegenteil: Selbstbewußt gibt sie die Richtung vor. Immer steht Onos Stimme im Vordergrund. Wie ganz zu Beginn ihrer Karriere lotet sie die Möglichkeiten ihres Gesangsorgans in allen Schattierungen aus. “Ich habe meine ganze Energie in dieses Album gesteckt, um die Welt damit aufzuwecken,” sagt die Künstlerin, die jetzt 90 Jahre alt geworden ist.

Buch:
Nicola Bardola: Yoko Ono. Eine Biographie. LangenMüller. 288 Seiten, 24 SW-Fotos. 

CD:
Yoko Ono / Kim Gordon / Thurston Moore: YokoKimThurston (Chimera Music)





Saturday, 21 January 2023

JAZZTRENDS: Tom Skinner auf den Spuren von Tony Williams

Der Drummer gibt die Richtung vor

 

Als Schlagzeuger der Sons of Kemet wurde er bekannt, jetzt veröffentlicht Tom Skinner ein Album unter eigenem Namen – Shabaka Hutchings und Nubya Garcia sind mit von der Partie

 

Tom Skinner (Foto: C. Wagner)


 

cw. Tom Skinner wirkt immer leicht gehetzt. Es ist auch nicht einfach in der Metropole London, ein Leben als junger Familienvater von zwei Kleinkindern mit dem Beruf eines professionellen Schlagzeugers und Komponisten zu vereinbaren. Da hastet man dann doch öfters von einer Bandprobe, einer Session oder einem Studiotermin schnell nach Hause, um den Nachwuchs pünktlich vom Kindergarten abzuholen. 

 

Hektik zeichnet Skinners Alltag aus, noch mehr, wenn er auf Tour ist, wobei die Sons of Kemet in den letzten zehn Jahren die Band war, mit der er am häufigsten unterwegs war. Aber auch Gruppen wie Melt Yourself Down sowie Musiker und Musikerinnen wie Mulatu Astatke, Alexander Hawkins, Eska oder Matthew Herbert haben seine Dienste in Anspruch genommen, aus dem einfachen Grund: Skinner gilt als einer der besten Drummer der britischen Szene. Das haben wohl auch Thom Yorke und Jonny Greenwood von Radiohead erkannt, die mit ihm zusammen vor zwei Jahren die Gruppe The Smile ins Leben riefen. 

 

Im Frühjahr 2020 hatte Skinner auf einmal etwas, was er sonst nie hatte: Zeit! Die Pandemie brachte alle Aktivitäten zum Erliegen. Und nun – was tun? Glücklicherweise hatte er ein Plattenprojekt in der Mache, das bereits aufgenommen war. Skinner verwendete die Auszeit, um sich intensiv dem Abmischen der Aufnahmen zu widmen. Zwei Tage pro Woche nutze er das kleine Studio eines Bekannten, um den Einspielungen den letzten Schliff zu geben. Das Endergebnis ist das Album „Voices of Bishara“, das gerade auf Gilles Petersons Brownwood-Label erschienen ist.

 

Der Ursprungsimpuls reicht bis ins Jahr 2018 zurück. Skinner bekam damals das Angebot, einen Abend im Londoner Club „Brilliant Corners“ (nach dem berühmten Album von Thelonious Monk benannt) zu bestreiten, in einer Reihe, die unter der Überschrift „Played Twice“ läuft. Die Spielregeln lauten: Jeweils ein Musiker kuratiert einen Abend und wählt dafür ein klassisches Album aus, das in der besten Vinylpressung, die aufzutreiben ist, in der ersten Hälfte der Veranstaltung auf einer hochwertigen Stereoanlage in Gänze gespielt wird. Danach reagiert dann eine vom Kurator zusammengestellte Band auf das soeben gehörte.

 

Skinners Wahl fiel auf das Album „Life Time“ von Tony Williams, das 1964 bei Blue Note erschienen ist. Es war die erste Einspielung des damals 19-jährigen Drummers unter eigenem Namen. Mit Sam Rivers (Tenorsaxofon), Herbie Hancock am Piano und Bobby Hutcherson (Vibrafon), dazu abwechselnd Richard Davis, Gary Peacock oder Ron Carter am Bass entwarf Williams einen modernen Jazz, der sich kompositorisch und improvisatorisch in Neuland vortastete, sich dabei sogar  in die Zonen des freien Jazz vorwagte. 

 

Die Band, die Skinner für den Gig zusammenrief, war ein fünfköpfiges Ensemble, das auf der einen Seite aus den Bläsern Shabaka Hutchings (Tenorsaxofon und Baßklarinette) und Nubya Garcia (Tenorsaxofon und Querflöte) bestand, auf der anderen die Streich- und Zupfmusiker Tom Herbert (Kontrabaß) und Kareem Dayes (Cello) umfasste, mit dem Bandleader in der Mitte, der als Drummer und Perkussionist die Richtung vorgab. Der Abend verlief so vielversprechend, dass Skinner über eine Fortführung des Projekts nachdachte. 

 

Er entwarf ein halbes Dutzend Stücke, komponierte Melodien, dachte über Strukturen und Formen nach, um die ausnotierten Passagen und die Improvisationen in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen. Unter dem Titel „Red 2“ wurde auch eine Komposition von Tony Williams interpretiert – das Eröffnungsstück „Two Pieces Of One: Red“ vom „Life Time“-Album.

 

Nachdem das Konzept stand, buchte Skinner ein Studio. Dort wurden sechs Titel eingespielt, wobei ein spiritueller Jazz zu hören war, der den Geist der 1960er Jahre atmete, dabei eine Gratwanderung zwischen themenbasierter Improvisation, freiem Spiel und auskomponierten Teilen unternahm, wobei er die gelegentlich eruptiven Ausbrüche als hymnische „fire music“ zelebrierte. 


Tom Skinner Voices of Bishara: The Journey (Youtube)



 

Mit diesem Material machte sich Skinner pandemiebedingt an die Post-Produktion. „Da wir die Musik live im Studio eingespielt hatten, ließ das nicht viel Spielraum für größere Eingriffe,“ erklärt der Drummer. „Ich habe behutsam hier ein bisschen Hall hinzugefügt, dort den Klang ein bisschen räumlicher gestaltet oder die Balance der Instrumente verändert, auch ein paar deutlichere Cuts vorgenommen, um Kontraste zu schaffen.“    

 

Als im Frühjahr 2022 die Sons of Kemet den „kollektiven Entschluß“ (Tom Skinner) fassten, die Band aufzulösen, verringerte das den Streß in Skinners Alltag etwas und machte neue Aktivitäten möglich: Der Drummer fasste ein paar Auftritte mit dem „Bishara“-Ensemble ins Auge, wobei er nicht an die Originalbesetzung dachte, da Shabaka Hutchings und Nubya Garcia in der Zwischenzeit zu internationalen Stars geworden waren, mit einem Terminkalender, der wenig Spielraum für anderes läßt. Aus diesem Grund hat Skinner bereits zwei andere Holzbläser einbezogen: den Saxofonisten und Klarinettisten Robert Stillman sowie die Tenorsaxofonistin und Flötistin Chelsea Carmichael. Mit ihnen wurden erste Auftritte absolviert, was Lust auf weitere machte. Gut möglich, dass aus der ad-hoc-Band doch noch ein festes Ensemble wird. 

 

Tom Skinner: Voices of Bishara (Brownwood)

 

 

Sunday, 15 January 2023

SCHEIBENGERICHT 12: Twinkle3 featuring David Sylvian

Haikus als Zauberformeln 

Twinkle3 mit David Sylvian


Twinkle3


Wertung: 4 von 5 

 

cw. Es kommt nicht häufig vor, dass Popstars zu Avantgardisten werden: Scott Walker war so ein Fall. David Sylvian ist ein anderes Beispiel. Seit der Sänger 1983 die Popgruppe Japan verließ, folgte er seiner künstlerischen Intuition, die ihn mehr und mehr in experimentelle Breitengrade führte. Für seine Alben zog er Musiker wie Holger Czukay, John Tilbury, Arve Henriksen, Evan Parker und Keith Rowe heran, die unter seiner Regie Klanglandschaften zwischen Ambient, Experiment und freier Improvisation kreierten. 

 

Jetzt leiht Sylvian einem Album des englischen Trios Twinkle3 seine Stimme, das aus den Elektronikern Richard Scott und Dave Ross sowie dem Spezialisten für asiatische Blasinstrumente, Clive Bell, besteht. Die drei erzeugen abstrakte „Soundscapes“, die vor Elektrizität nur so brickeln und knarzen. Da tickt es geigenzählermäßig, danach heben sturmartige Turbulenzen an, während in einem anderen Stück mächtige Soundwellen an eine imaginäre Küste schlagen.


David Sylian (SAMADHISOUND)


Die mit Bedacht gesetzten, angerauhte Langtöne, die Clive Bell der japanischen Bambusflöte Shakuhachi entlockt, geben den Improvisationen eine dramatische Note. Mit der thailändischen Mundorgel Khene wechselt Bell zeitweise zu einem rhythmischen Spiel mit Intervallen und Akkorden, wobei er bei einem anderen Titel verhangene Töne auf einem Blasinstrument namens Pi Saw aus Laos bläst. 

 

Im freien Interagieren entfaltet sich dabei ein faszinierendes Vexierspiel zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten. Dass die Blastöne zusätzlich noch verfremdet und mit Hall und Echo verändert werden, trägt zur zusätzlichen Verrätselung bei. 

  

Überraschenderweise tritt David Sylvian nicht als Sänger auf, sondern agiert ausschließlich als Rezitator mittelalterlicher Gedichte, die um Tod, Abschied und Vergänglichkeit kreisen. Im Kontrast dazu rezitiert die ehemalige Vokalistin der Frank Chickens , Kazuko Hohki, Haikus sowie japanische Verse aus dem 16. Jahrhundert, die für westliche Ohren wie geheimnisvolle Zauberformeln klingen. 


Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: I Borrow Moonlight (Youtube)


Die Worte werden äußerst sparsam gesetzt, was ihnen umso größeres Gewicht verleiht, doch machen sie auch ohne Bedeutungsgehalt als reine Lautphänomene Sinn. Sylvian und Hohkiverzichten beim Sprechen auf jedes Pathos, tragen ruhig, ja fast nüchtern vor. Im Zusammenspiel entsteht so eine in vielen Farben schillernde Musik, die ein ureigenes Gepräge besitzt und in wahrhaft wundersame Welten aus Klängen und Worten entführt. 


Twinkle3 featuring David Sylvian & Kazuko Hohki: Upon This Fleeting Dream (Cortizona)

 

Monday, 2 January 2023

Radioportrait: LYLE LOVETT; SWR2, 19. Januar 2023 (20:05) / Wiederholung: 3. Oktober 2023 (23:05)

Keine Angst vor großen Gefühlen

 

Lyle Lovett und die Klangvielfalt des amerikanischen Südens 

 

 Lyle Lovett (Promofoto: Michael Wilson)



Radio Radio Radio: Über Nashville hinaus – Countrysänger Lyle Lovett

SWR2 Musikpassagen, SWR2 Donnerstag, 19.1.2023 / 20:05-21:00 Uhr –––––– Über Nashville hinaus: Countrysänger Lyle Lovett –––––– von Christoph Wagner –––––– Er gilt als „elder statesman“ der Countrymusik, obwohl er sich nicht einmal als echter Countrysänger versteht. Seit der texanische Singer-Songwriter Lyle Lovett 1986 mit seinem Erstlingswerk Furore machte, hat er mit jedem neuen Album seinen ganz persönlichen Stil gepflegt. Seine Musik ist ein Mix all der musikalischen Traditionen des amerikanischen Südens von Blues und Gospel über Soul und Jazz bis zu Folk und Country. Seine Lieder stecken oft voll feiner Ironie, doch er schreckt auch vor großen Gefühle nicht zurück. Auf seinem aktuellen Album findet man ein paar Lieder voller Pathos und Einfühlsamkeit. ––––––zum Nachhören: 



cw. Bei manchen progressiven Musikfans hat die Countrymusik keinen guten Ruf. Sie gilt als konservativ in der Form und reaktionär, was die Inhalte betrifft: „Redneck Music“ eben! Allerdings stellt sich der Sachverhalt bei genauerer Inspektion etwas komplizierter dar, hat der Nashville-Stil doch in seiner mehr als 100jährigen Geschichte regelmäßige Häutungen erfahren. Egal ob die frühe Countrymusik die Hawaii-Gitarre und das alpine Jodeln übernahm, der weiße Hillbilly-Sänger Jimmie Rodgers den schwarzen Jazztrompeter Louis Armstrong ins Studio holte oder Loretta Lynn nach dem 2. Weltkrieg gegen ein Macho-Frauenbild ansang, stets zeigte sich das Genre aufgeschlossen für aktuelle musikalische und gesellschaftliche Umbrüche und Tendenzen. 

 

Mitte der 1980er Jahre entstand unter dem Banner „Alternative Country“ eine Bewegung junger Musiker, die dem polierten und genormten Nashville-Sound eine kühnere Ästhetik entgegensetzten. Der Singer-Songwriter Lyle Lovett (Jahrgang 1957), der vor Jahren durch seine kurze Ehe mit dem Filmstar Julia Roberts in die Klatschspalten der Presse geriet, kommt aus dieser Ecke. Aus dem einstigen Rebellen mit buschigem Haar ist inzwischen ein graumelierter „elder statesman“ der Südstaatenmusik geworden, der die ganze Palette an traditionellen Stilen beherrscht, die er aber immer wieder gegen den Strich bürstet.

 

Lovett stammt aus Texas, wo in den 1940er Jahren eine Musikrichtung Konjunktur hatte, die den populären Bigbandjazz von Bandleadern wie Count Basie, Glenn Miller und Duke Ellington mit der Countrymusik eines Hank Williams und Bill Monroe verband. „Western Swing“ wurde der Mix genannt, zu dessen Aushängeschild Bob Wills & His Texas Playboys wurden.

                                  Bob Wills & His Texas Playboys



 

Im „Lone Star State“ aufgewachsen, hat Lyle Lovett den „Lone Star Swing“ mit der Muttermilch eingesogen. Schwarzer Jazz und weiße Countrymusik stellen für ihn kein Gegensatzpaar dar, im Gegenteil: Für Lovett sind sie natürliche Verbündete – populäre Musikstile der unteren Schichten. Schon in seiner Schulzeit lernte der Teenager neben Gitarre und Klavier auch Saxofon spielen, um im Blasorchester der Schule mitmachen zu können, das etliche „Jazztunes“ im Repertoire hatte. 

 

Die Spur des „Western Swing“ zieht sich wie ein roter Faden durch Lovetts inzwischen fast 40jährige Karriere. 1986 erschien sein Debutalbum, zwei Jahre später gründete er die „Large Band“, eine Bigband mittleren Formats, die sowohl Jazzinstrumentalisten mit Saxofon, Trompete und Posaune als auch Countrymusiker mit Pedal-Steel-Gitarre, Mandoline und Fiddle umfasste. 

 

Zehn Jahre nach seinem letzten Studioalbum, nimmt Lovett nun diesen Faden wieder auf, indem er geschickt Country- und Folktraditionen mit Jazzelementen verbindet, dabei er auch Kompositionen von Jazzgrößen wie Nat King Cole übernimmt. „Die meisten Musiker in der Band sind mit Jazz vertraut, vor allem die Bläser,“ erklärt Viktor Krauss, Kontrabassist der „Large Band“, der selbst einen Jazz- und Rockbackground hat. „Das sind Eigenschaften, die Lyle Lovett schätzt. Er sucht Musiker mit einem breiten Spektrum, weil er selbst in vielen Stilen daheim ist.“

 

„12th of June“ ist Lovetts zwölftes Studioalbum, was nur unterstreicht: Der Singer-Songwriter ist kein Vielschreiber. Der vierfache Grammy-Gewinner arbeitet lange an einem neuen Song, läßt sich Zeit mit seinen Plattenproduktionen, probiert die Titel zuvor ausgiebig bei Konzertauftritten aus, um sie gegebenenfalls noch einmal zu überarbeiten. „Die meisten Stücke des neuen Albums hatten wir seit längerem im Repertoire, sie waren uns völlig geläufig, als wir ins Studio gingen,“ erzählt Viktor Krauss. „Das nimmt einem die Nervosität vor dem Mikrofon.“ 


Lyle Lovett – 12Th of June (youtube)




Lässig und entspannt klingen dann auch die Aufnahmen, die ausnahmslos „live“ im Studio eingespielt wurden. Die Titelfolge des Albums folgt der Dramaturgie einer Vaudeville-Show. Als Intro spielt die Band eine rasante Instrumentalnummer – „Cookin' at the Continental" von Horace Silver –, bevor der Sänger die Bühne betritt und sich in den ersten Song stürzt, eine fetzige Nummer namens „Pants is overrated“. Danach wird die Dynamik runtergefahren. Es folgt eine Swing-Nummer von Nat King Cole, dem sich ein weiterer Jazzklassiker anschließt, eine Nachtclub-Ballade aus den 1920er Jahren. Diesen Song singt Lyle Lovett im Duett mit der schwarzen Bluessängerin Francine Reed – schummrig-schön inszeniert mit Klavierspiel wie aus der Cocktail-Bar und einem röchelnden Saxofon. Lovett erweist sich einmal mehr als vokaler Tausendsassa, der in nahezu jedem musikalischen Genre zu glänzen weiß. Ob Country, Southern Soul, New Orleans Funk, Gospel, Swing oder Blues – Lovett meistert sie alle.  

 

Wegen seiner Ohrwurm-Qualität ragt der Titelsong „12th of June“ heraus, eine Dankbarkeitshymne an das Leben, die Lovett mit gebührendem Pathos intoniert und mit der er ganz ungeschützt den Tag feiert, an dem 2017 seine Zwillingskinder zur Welt kamen. In der Countrymusik geht man großen Gefühlen nicht aus dem Weg – im Gegenteil: Lyle Lovett zelebriert sie geradezu.


Radiosendung:

Über Nashville hinaus – Countrysänger Lyle Lovett

Donnerstag, 19.1.2023 / 20:05-21:00 Uhr SWR2 Musikpassagen, SWR2


Zum Nachhören:

https://www.swr.de/swr2/musik-jazz-und-pop/ueber-nashville-hinaus-countrysaenger-lyle-lovett-swr2-musikpassagen-2023-01-19-100.html


Die Sendung wird am Dienstag, 3. Oktober 2023 (23:05–24:00) auf SWR2 wiederholt. 

 

 

Saturday, 24 December 2022

SCHEIBENGERICHT 11: Excavated Shellac – An Alternate History of the World's Music

Eine Welt- und Zeitreise in Schellack auf den Spuren traditioneller Musikstile 




 

cw. Die Erfindung der Schellackplatte und des Grammophons Ende des 19. Jahrhunderts bildete den Startschuss für einen Wettlauf um die Märkte der Welt. Da die jungen Unternehmen der neuen Phonobranche sowohl Schallplatten als auch Abspielgeräte herstellten und verkaufen wollten, entstand innerhalb kürzester Zeit ein enormer Bedarf an Musik aus allen Teilen der Welt, die in Schellack gepresst als Kaufanreiz für Grammophone dienten. Die Hersteller hatten die Erfahrung gemacht, dass die Plattenspieler mit Schallhorn nur dann gekauft würden, wenn ein attraktives Schallplattenangebot bestand mit Musikstilen, die vor Ort populär waren. 

 

Diese Einsicht setzte eine Schar von Aufnahmeteams in Bewegung, die nun rund um den Globus reisten, um mit lokalen Musikern Einspielungen zu machen. Die Wachsplatten, auf denen die Musik „eingeritzt“ wurde, ließen nur Stücke mit einer Länge von ein bisschen mehr als drei Minuten zu, was vielen Musikstilen Beschränkungen auferlegte.

 

Die “recording trips”, ob in Afrika, Asien, der Karibik oder Lateinamerika, gingen selten reibungslos vonstatten. Fremde Sprachen und Gebräuche, andere Mentalitäten und Gepflogenheiten, extremes Klima, politische Wirren sowie Transportprobleme konnten die Aufnahmeexkursionen zu einem Alptraum werden lassen. Starke Nerven waren gefragt. 


Bildmaterial: Sammlung C. Wagner





Neben der englischen Grammophone Company, aus der später His Master Voice (HMV) wurde, den amerikanischen Labels Victor und Columbia war die deutsche Firma Odeon aus Berlin einer der Hauptakteure auf dem neuen internationalen Phonomarkt. 1906 enthielt allein der Odeon-Katalog bereits 11000 Titel mit außereuropäischer Musik, was eine Ahnung von der explodierenden neuen Branche gibt.

 

Das amerikanische Schallplattenlabel Dust to Digital, hat sich seit seiner Gründung 1999 mit mustergültigen Wiederveröffentlichung historischer „Weltmusik“ einen exzellenten Ruf erworben, woran die aktuelle Veröffentlichung nahtlos anknüpft.

 

Die aus vier CDs bestehende Box ist unter dem Titel „Excavated Shellac“ erschienen, was ausgegrabenes oder geborgenes Schellack bedeutet. Sie enthält – bunt gemischt – hundert Titel aus aller Welt, aufgenommen zwischen 1907 und 1967, dem Zeitpunkt, als Schellackplatten nur noch in ein paar periphären Regionen in Gebrauch waren. 



Jonathan Ward heisst der Sammler, aus dessen Kollektion die raren Schellacks stammen und der für die exzellente Zusammenstellung und die detaillierten Kommentare verantwortlich zeichnet. Eine bewundernswerte Fleißarbeit von höchster Qualität! Unter den einhundert Aufnahmen finden sich etliche Perlen, während man sich für ein paar Länder, etwa die Schweiz und Deutschland, musikalisch aufregendere Titel gewünscht hätte.


Die 4-CD-Box wird ergänzt von einem 185 Seiten dicken Booklet, das mit Plattenhüllen, Fotos und Plakaten wunderbare illustriert ist und gleichzeitig zu jedem Titel so viel Information liefert, wie man sich nur wünschen kann. Das verwandelt die Produktionen in eine musikalische Welt- und Zeitreise, eine spannende Abenteuerfahrt in abseits gelegene musikalische Gegenden und Regionen längst vergangener Epochen.  


Excavated Shellac – An Alternate History of the World's Music (Dust To Digital)

Thursday, 22 December 2022

Simon Steiner: Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie

 Gastautor Simon Steiner

"Ich will eine Prinzessin"

 Die transkulturelle Reise einer jüdischen Melodie 

Musik ist immer grenzüberschreitend und verbindet. Das Rembetiko "Ich will eine Prinzessin" ist ein Beispiel für die Koexistenz unterschiedlicher Interpretationen in verschiedenen Ländern, in die sich der Song einbürgerte. 

 Schellack des Rembetiko Hits (Kounadis-Archive, alle Rechte)


Die wunderschöne Melodie des Rembetiko - Hits "Ich will eine Prinzessin", von Panagiotis Tountas, Piräus, 1936, wurde bereits 1910 von der jüdischen Klezmer-Band Stupels Vilna Orchestra in Vilna, Litauen, als Schlussteil des "Karaite Medley" aufgenommen, später auf dem Balkan und dem östlichen Mittelmeerraum, den USA und wieder in Griechenland. Der Musikwissenschaftler und Pianist Nikos Ordoulidis vom Eastern Piano Project verfolgte die Reise dieser wandernden Melodie anhand einer historischen Diskographie und konnte gemeinsame Einflüsse und originelle Veränderungen nachweisen.

Panagiots Tountas (Kounadis-Archiv, alle Rechte)


 Die Reise ist unendlich, denn Melodien sind grenzenlos. Es ist selbstverständlich, dass in Zukunft noch weitere Aufnahmen zu unserem Thema auftauchen werden. Wer sich in die Arrangements hinein fühlt, hört die Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Melodie und versteht, warum sie Musiker aus Litauen, Serbien, der Ukraine, der Slowakei, Griechenland, Ungarn und Rumänien ermutigen, die Melodie in ihr lokales Repertoire aufzunehmen und zu verwerten. Auch der Gast-Autor dieser Zeilen hat sich mit Alain Domagala aus Marseille und dem Stuttgarter Stromraum-Tandem "eo" an die Prinzessin gewagt.

Mehr zum Thema: 

link zu diablog, in deutscher und griechischer Sprache:

https://diablog.eu/kuenste/musik/ich-will-eine-prinzessin-die-reise/

link zur Griechenland Zeitung:

https://www.griechenland.net/nachrichten/kultur/32257-%E2%80%9Eich-will-eine-prinzessin%E2%80%9C-eine-spurensuche