Tuesday, 5 July 2016

Zum Tode des Jazzpianisten DON FRIEDMAN (4. Mai 1935 - 30. Juni 2016)

Wie im Schlaf
Don Friedman war ein Pianistengeheimtipp - mehr als 50 Jahren lang. Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren verstorben


cw. Als „musicians’ musician“ bezeichnet man im Englischen einen Musiker, der vor allem im Kreis seiner Kollegen geschätzt wird, darüber hinaus aber wenig bekannt ist. Der amerikanische Jazzpianist Don Friedman (Jahrgang 1935) gehört in diese Kategorie. Friedman hat in den letzten fünf Jahrzehnten mit vielen bedeutenden Jazzgrößen gespielt (von Ornette Coleman über Eric Dolphy bis Jimmy Giuffre) und ist trotzdem nie über den Status eines Geheimtipps hinausgekommen. 
Die Stärken des New Yorkers liegen in mehreren Bereichen. Er ist zum einen ein fingerfertiger Virtuose, dessen flüssig-delikates Spiel allein schon wegen seiner technischen Brillanz und Raffinesse beeindruckt. Doch ist Friedman kein hohler Tastenklimperer. Mit grosser Sensibilität entfaltet er eine improvisatorische Meisterschaft, der vor Ideen sprüht. 
In  leisen Momente erreicht Friedman oft die größte Intensität, wobei sein delikater Anschlag voll zur Entfaltung kommt. Doch ist nicht alles ruhige Besinnlichkeit. Manchmal läßt er auch die Fetzen fliegen, wenn er sich in ein Crescendo hineinsteigert. Egal ob laut oder leise – Friedmans Spiel wirkt immer abgerundet und souverän, wie es nur einem absoluten Meister des Jazzpianos aus den Finger quillt.


BLIND_FOLD_TEST

1. Ornette Coleman: Tomorrow is the Question
Von der LP: Ornette Coleman: Tomorrow is the Question
Ornette Coleman (as), Don Cherry (tp), Percy Heath (b), Shelly Manne (dr)
Contemporary, 1959

Don Friedman: Das ist Ornette Coleman mit Don Cherry. 

Christoph Wagner: Sie haben schon Ende der 50er Jahren mit den beiden gespielt.

Don Friedman: Das stimmt. Ich lebte in Los Angeles, als Ornette von Texas nach LA zog. Wir trafen uns bei einem Freund zu Jam-Sessions. Als Don Cherry dann mit Ornette und Billy Higgins einen Gig in Vancouver hatte, spielten wir eine Woche zusammen. Das war das einzige Mal, dass ich mit Coleman öffentlich aufgetreten bin.

Christoph Wagner: Ornette Colemans Musik wurde sehr kontrovers aufgenommen. Was dachten Sie darüber?

Don Friedman: Ich dachte damals das gleiche wie heute. Ornette ist ein sehr talentierter natürlicher Musiker, aber nicht studiert. Das bedeutet: Wenn er Musik schrieb, war es oft nicht klar, was er meinte. Er war auch nicht in der Lage zu artikuieren, was er wollte, was Harmonien und solche Dinge betraf. Deshalb war es nicht leicht, seine Musik zu spielen, weil er gelegentlich etwas notierte, es dann aber ganz anders haben wollte. Man musste wirklich seine Ohren benutzen, um herauszufinden, um was es musikalisch ging. 
Auch spielte Coleman nicht über die übliche Anzahl von Akkorden oder in einer bestimmten Tonart. Er wechselte die Tonart einfach,  wenn er spürte, dass es folgerichtig war. Es ging darum, ihm überall darin zu folgen.

Christoph Wagner: Wie fügten Sie sich in diese Gruppe ein?

Don Friedman: Nicht sehr gut. Ich hatte gelernt, Jazz zu spielen. Aber sie machten etwas anderes. Das war kein gewöhnlicher Jazz. Ich verließ mich auf mein Ohr. Das war die einzige Möglichkeit mit Ornette zu spielen.

Christoph Wagner: Hatte es damit zu tun, dass Coleman erst noch sein Konzept ausarbeiten musste?

Don Friedman: Ich glaube, dass sein Grundkonzept ziemlich das gleiche geblieben ist. Heute, fast 50 Jahre später, höre ich in seiner Musik immer noch die gleiche Vision: das Konzept frei zu spielen.
Generell gibt es zwei Arten frei zu spielen. Die europäische Art, die heute auch in der Downtown-Szene von New York praktiziert wird, wo sich Improvisatoren der Klanglichkeit der Neuen-Musik-Avantgarde bedienen. Davon unterschied sich Ornette, denn seine Melodik war tief im Blues verwurzelt - soulful! Die schwarze Tradition blieb immer hörbar.

Christoph Wagner: Was hielten Sie von Don Cherry?

Don Friedman: Don Cherry hatte ähnliche Vorstellungen wie Ornette, doch eine eigenständige Spileweise. Er wußte besser, wie man harmonisch über eine Akkordstruktur improvisiert. Ihre Personlichkeiten waren sehr verschieden. Ornette war ein stiller, entspannter Typ. Don Cherry viel extrovertierter.

2. Eric Dolphy (feat. Mal Waldron): Thirteen
Von der Do-LP: Eric Dolphy: Fire Waltz
Eric Dolphy (as), Booker Erwin (ts), Mal Waldron (p, leader), Ron Carter (cello), Joe Benjamin (b), Charlie Persip (dr)
Prestige Records, 27. June 1961. 

Don Friedman: Das ist Eric Dolphy - keine Frage. Ich traf ihn in New York 1958. Ich spielte damals mit Booker Little. Wir machten Schallplattenaufnahmen und Eric Dolphy war mit von der Partie. Auf diese Weise trafen wir uns.  

Christoph Wagner: Auf dieser Aufnahme war Mal Waldron der Bandleader. Was dachten Sie über ihn?

Don Friedman: Mir gefiel sein Spiel, obwohl es pianistisch und technisch nicht allzu raffiniert war. Ich habe ihn nicht oft gehört, weil er bald New York verließ, um in Europa zu leben. 
Vor fünf Jahren war ich an einer Tournee durch Japan beteilgt, die die “100 Finger”-Tour genannt wurde mit zehn Pianisten. Waldron war einer davon. Er war schon recht alt und spielte weitgehend in seinem ursprünglichen Stil. Ich mochte ihn. Er war ein netter Kerl. 

Christoph Wagner: Ende der 50er Jahre, als Sie ihren Stil entwickelten, was strebten Sie da an?

Don Friedman: Ich war von Pianistin fasziniert, die technisch versiert waren, weil ich ein klassisch geschulter Pianist bin. Deshalb begeisterten mich Musiker, die das Instrument gut spielen konnten. Bud Powell war eines meiner Vorbilder, auch Art Tatum. Red Garland war ein anderer meiner Favoriten, Tommy Flanagan, Barry Harris - diese Art von Pianisten. Dazu kam Al Haig. Er ist ein völlig unterbewerteter großer Pianist. Sein Werk ist nur in geringen Ausmaß dokumentiert, weil er nur ein paar wenige Schallplatten aufnahm, was sehr schade ist. Er spielte mit Charlie Parker und ist auf Platten mit ihm zu hören. Er war in all den frühen Bebop-Gruppen präsent. Ich hörte ihn in New York in den Clubs. Manchmal spielte er auch nur in einem Restaurant, aber er war ein wirklicher Meister. 

Christoph Wagner: Wie fühlten Sie sich als Neuankömmling in New York?

Don Friedman: Es war wie im Süsswarenladen. Überall fantastische Musiker - kein Vergleich zu Kalifornien! Ich ging zu Konzerten, lernte  aber am meisten durchs Schallplattenhören. Wenn man jemand auf der Bühne erlebt, kann man eine Ahnung davon bekommen, was er macht. Um aber etwas richtig zu verstehen, muss man es sich immer wieder und  wieder anhören. Nur so kann man herausfinden, was passiert. Schallplatten waren ein wunderbares Lernmittel für mich.
Es gab damals noch keine Jazzschulen. Heute hat jedes College ein Jazzdepartment. Ich unterrichte ja selbst an einem. Aber irgendwie war es frühen besser, als man nur durch Hören lernen konnte. Mit dem Ohr zu lernen, ist die optimale Art!

Christoph Wagner: Was halten sie generell von der Verschulung der Jazzausbilding?

Don Friedman: Die Jazzausbildung bringt viele perfekte Musiker hervor, aber wenige individuelle Persönlichkeiten. Das Positive daran ist, dass man gewisse Inhalte schneller lernen kann. Man muss sich nicht alles selbst erarbeiten. Viele Musiker spielen allerdings nach dem Studium nur das, was sie gelernt haben, nicht was sie fühlen. Der kreative Prozess kommt aus dem Inneren - das kann man nicht unterrichten. Kreativität kann man nicht lernen.

Christoph Wagner: Wie versuchen Sie als Dozent, diesen Widerspruch aufzulösen?

Don Friedman: Das ist ein sonderbare Situation. Man ist Lehrer und muss den Schüler sagen: “Ich kann euch das Wichtigste gar nicht beibringen.” Man kann ihnen die Grundlagen zeigen: Technik, Harmonik, solche Dinge. Ich sage meinen Studenten immer: “Benutzt eure Ohren! Hört euch Schallplatten an!” Die ernsthaften Studenten machen das sowieso.

Christoph Wagner: Spieltechnik erlangt man durch Üben. Üben Sie noch viel?

Don Friedman: Klar, aber nicht mehr so viel wie früher. Wenn ich daheim bin, spiele ich jede Tag, mache Fingerübungen, harmonische Übungen. Ich denke stets darüber nach, wie ich mich verbessern kann. Ich höre andere Pianisten und wenn mich einer beeindruckt, versuche ich bestimmte Dinge zu übernehmen. Nimm Brad Mehldau. Er nützt seine linke Hand stärker als das bisher im Jazz üblich war. Er hat eine fantastische linke Hand. Das hat mich beeindruckt. Daraufhin habe ich begonnen, meine linke Hand gezielter zu trainieren, um sie gleichberechtigt mit der rechten einsetzen zu können. 

3. Bill Evans Trio: Summertine (Gershwin)
Bill Evans (p), Chuck Israel (b), Paul Motion (dr)
Von der LP: Bill Evans: How my heart sings
Riverside 1964

Don Friedman: Das ist Bill Evans mit “Summertime”. Ich hörte ihn oft, als ich nach New York kam. Ich kannte ihn persönlich und war ein enge Freund von seinem Bassisten, Scott LaFaro. Scotty wohnte eine Zeit lang bei mir. Wir musizierten dauern zusammen.
Bill Evans war ein wichtiger Einfluss. Nicht dass ich ihn kopieren wollte. Ich habe ein anderes melodisches Konzept. Aber ich mochte seine Idee vom Zusammenspiel im Trio. Er begann als einer der ersten mit dem kammermusikalischen Spiel. Das Zusammenspiel, das Interplay, seines Trio war revolutionär. 

Christoph Wagner: Was macht die Magie des klassischen Jazzpianotrios aus?

Don Friedman: Für den Pianisten ist das Jazzpianotrio das Optimum. In keiner anderen Konstellation ist der Pianist so sehr Herr der Lage. Er gibt das Thema vor, interpretiert es nach seinem Geschmack. Alle drei Instrumente können verschiedene Rollen übernehmen. Das ist die Stärke des Trios.
Sobald eine Führungsstimme dazukommt, etwa ein Saxofon, verändert sich die Dynamik. Das Pianotrio wird zum Begleitensemble. Bis man dann zum Solo kommt, ist schon eine bestimmte Atmosphäre etabliert. Nur im Trio hat man von Anfang an diesen Draht zu den anderen beiden Musikern. Man kreist umeinander. 

Christoph Wagner: Sie haben mit den besten Schlagzeugern und  Bassisten gespielt. Welche Qualitäten müssen sie haben?

Don Friedman: Der Bassist muss die Harmonien beherrschen und die Melodie kennen, also die richtigen Bassnoten liefern. Moderne Pianisten spielen ja kaum mehr das Thema, sondern verändern und variieren es. Deshalb ist es wichtig, dass der Bass die Grundtöne markiert, sonst fällt alles auseinander. Er ist der Anker. Darüber hinaus muss er interagieren können, Gegenlinien entwerfen. Darin war Scott LaFaro ein Meister. 
Bei einem Drummer ist das Wichtigste, dass er swingt. Außerdem muss er die Stimmung wechseln können und in der Lage sein, auf das Spiel der anderen einzugehen. Ich wechsle manchmal spontan die Atmosphäre eines Stücks und der Drummer muss mir darin folgen können. Er muss gut zuhören und die Wechsel mitvollziehen. 

Christoph Wagner: Spielen Bassisten und Schlagzeuger heute anders als vor 40 Jahren?

Don Friedman: Es gibt heute viel mehr Musiker, die diese spontane Spielweise beherrschen. Früher wurde eisern den Vorgaben gefolgt.

Christoph Wagner: Sie spielen gerne Standards. Was fasziniert daran?

Don Friedman: Die Schönheit der Melodie, die interessante Folge der Akkorde. Erst die Harmonik macht ein Stück aufregend für mich. Ein oder zwei Akkorde sind mir nicht genug. Die Komponisten dieser Evergreens hatten einen feinen Sinn für Harmonien und schrieben interessante Wendungen. 

Christoph Wagner: Wie wichtig ist es, einen Standard wieder und wieder zu spielen?

Don Friedman: Das ist das Wesentliche. Je öfter man ein Stück spielt, je besser kennt man es, umso freier kann man damit umgehen. Man kann die Melodien fast neu kreieren. Man kann sehr erfinderisch sein. Das erreicht man nur, wenn man eine Nummer in- und auswendig kennt. Wie im Schlaf!

Christoph Wagner: Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich wiederholt ?

Don Friedman: Das kommt auf die Kreativität des Musikers an. Je besser ich ein Stück kenne, umso kreativer kann ich sein. Es sickert ins Unterbewußtsein. Man spielt dann nur noch die Musik, denke über nichts mehr nach. Es passiert einfach. Das Stück wird Teil meines Inneren. Es ist dann wirklich freie Musik, weil man nicht mehr durch die Form eingeengt wird. 
Frejazzmusiker habe die Form annuliert und einige von ihnen können gar nicht in einer Struktur spielen, was ich für ein Manko halte. Ich will beides können: frei in einer Struktur sowie ohne Struktur spielen zu können. 

4. Attila Zoller: Sudden Romance
Von der LP: Attila Zoller: Dream Bells
Attila Zoller (g), Frank Luther (b), Sonny Brown (dr)
Enja, 1976

Don Friedman: Das ist Attila Zoller, der eine Ballade spielt. Das war eine seiner Stärken, aber er konnte eigentlich alles spielen. Er war ein wirklich freier Musiker. Ich traf ihn, als ich im Jazzclub Five Spot ein Engagement hatte, Solopiano, in einem Programm mit Ornette Coleman und Don Cherry, die den zweiten Teil des Abends bestritten. 
Er stellte sich mir nach dem Auftritt vor. Wir wurden Freunde. Wir spielten zusammen. Er brachte mich in die Band von Herbie Mann, wo er Mitglied war. Wir verließen dann Herbie Mann, um unsere eigene Gruppe zu gründen. Wir waren relativ erfolgreich, spielten im Village Vanguard. Steve Swallow war der dritte im Bunde. Wir machten Schallplatten, tourten in Europa. 
Oft gehen Gitarre und Piano nicht gut zusammen, weil beide Akkorde spielen. Für uns war das kein Problem. Wir hatten musikalisch ein intuitives Verständnis für einander. 
  

5. The Jimmy Giuffre 3: The Easy Way
Von der LP: The Jimmy Giuffre 3: The Easy Way
(Jimmy Giuffre (cl), Jim Hall (g), Ray Brown (b)
Verve, 1959

Don Friedman: Das ist Jimmy Giuffre. Er war der Grund, warum ich Herbie Mann verlassen haben. Ich wollte mit ihm spielen. Es war eine interessante Erfahrung. Allerdings hatte ich mir mehr davon versprochen. 
Ich wollte freie Musik mit ihm spielen, was nicht wirklich funktionierte. 
Er schrieb die Stücke aus, verlangte dann aber, sie anders zu spielen, wie er sie notiert hatte, was etwas merkwürdig war.  

Christoph Wagner: Giuffre machte kammermusikalischen Jazz ohne Schlagzeug....

Don Friedman: Wir lagen nicht auf der selben Wellenlänge. Meiner Ansicht nach versuchte er zu krampfhaft, sich von allen anderen abzuheben. Anstatt einfach anders zu sein, wollte er die Unterschiedlichkeit erzwingen. Das kam mir nicht natürlich vor.

6. Cecil Taylor:  Call
Von der LP: Cecil Taylor at the Café Montmartre
Cecil Taylor (p), Jimmy Lyons (as), Sunny Murray (dr)
Fontana, 1962

Don Friedman: Da bin ich überfragt. Keine Ahnung.

Christoph Wagner: Das ist Cecil Taylor in einer frühen Aufnahme seiner freien Musik. 

Don Friedman: Das war nicht meine Szene, obwohl ich mit Archie Shepp Jamsessions spielte. Attila Zoller und ich entwicklten damals unser eigenes freies Spiel. Ein anderer Ansatz. 
Cecil Taylor ist ein interessanter Musiker. Seine Energie ist unglaublich. In seiner Musik vermisse ich allerdings die Schönheit. Sie ist voller Wut und Ärger. 
Ich hörte Taylor einmal live in der Schweiz. Er probte mit seiner Band drei Stunden volle Pulle am Nachmittag, um abends dann ein Konzert gleicher Länge und auf gleichem Energielevel zu absolvieren. Vollig verrückt!  Bei der Neuen Musik-Avantgarde höre ich eine Verwandtschaft zu Taylor, allerdings kommt mir deren Musik organisierter vor. 

7. E.S.T Esbjörn Svensson Trio: Dodge The Dodo
Von der CD: E.S.T Esbjörn Svensson Trio - From Gagarin’s View Point 
Esbjörn Svensson (p), Dan Berglund (b), Magnus Öström (dr)
Act, 1999

Don Friedman: Das gefällt mir. Es ist rhythmisch stark. Ich weiß allerdings nicht, wer das ist.

Christoph Wagner: Es ist eines der neuen Piano-Trios, das Esbjörn Svensson Trio aus Schweden. Verfolgen Sie die aktuelle Szene?

Don Friedman: Ich kenne die Gruppe The Bad Plus, die mich nicht überzeugt. Ihre Musik kommt mir wie eine intellektuelle Übung vor. Brad Mehldau dagegen ist ein ernsthafterer Musiker. Er spielt von innen heraus, was ich schätze. 
Esbjörn Svensson ist ein exzellenter Pianist, das ist offensichtlich. Unser Background war Bebop, der Background der jungen Musiker ist oft Pop. Damit sind sie aufgewachsen. Deshalb spielen sie Rockmusik im Format eines Jazzpianotrios, verbinden also die beiden Spähren. 

Christoph Wagner: Haben sie jemals das Bedürfnis verspürt, Rockelemente in ihr Spiel einzubeziehen? 

Don Friedman: Nicht wirklich, obwohl ich heute offener bin als früher. Man muss mit seinem Material vertraut sein, sollte aber auch immer wieder Neues versuchen. Darum interessiert mich für moderne Musik, um vielleicht das eine oder andere Element zu übernehmen, allerdings aus musikalischen nicht aus kommerziellen Gründen. 

Der Blind-Fold-Test fand im April 2007 in Reutlingen statt und erschien zuerst in der Zeitschrift Jazzthetik (www.jazzthetik.de)

Auswahldiskographie:
Don Friedman (mit Martin Wind, Bass und Terri Lynn Carrington, Drums): Salzau Trio ( Skip Records)
Don Friedman (mit John Patitucci, Bass und Omar Hakim, Drums): VIP Trio (441 Records)
Don Friedman: Piano Works "From A to Z "  (Act Music)

Saturday, 2 July 2016

SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN 23. Juli 2016



SCHLACHThof FESTival SIGMARINGEN mit Headliner: Jaki Liebezeit (Can) & Hans Joachim Irmler (Faust)

Am Samstag, den 23. Juli 2016 ab 17 Uhr setzen die Ateliers im Alten Schlachthof nach längerer Atempause die Reihe ihrer außergewöhnlichen SCHLACHThof-FESTivals fort: 

Das Fest mit international-hochkarätigen Interpreten der Künste für Augen und Ohren bleibt sich treu: Poetisch und extraordinär werden die Schlachthof-Räume gefüllt.

Am Nachmittag verwandeln sich die Atelierräume in ein Museum der vergessenen Klänge:

- mit zeitgenössischen Tönen aus Kinderklavieren von Isabel Ettenauer (Österreich),
- den ätherischen Klängen der Glasharmonika mit dem Augsburger Bruno Kliegl,
- Rembetika-Musik ("griechischer Blues") zu Baglama, Bouzouki und Klarinette, gespielt vom  Duo „Lefta“.

Am Abend dann auf der Hauptbühne:

-  Weird Beard um den jungem Saxofonisten Florian Egli aus Zürich mit jazzrockig- psychedelischer Wucht.

- Als Höhepunkt: 
Die Krautrocklegenden Hans Joachim Irmler und Jaki Liebezeit, spätestens seit der Gartenschau auch Schlachthoflegenden, werden mit Keyboard und Schlagzeug ihre vertrauten schillernd-reißenden Klangströme fließen lassen. Ein sommerliches Fest für alle Sinne!





Der Vorverkauf hat begonnen: 07571 3333 oder www.schlachthof-sigmaringen.de
Eintritt: 18 €, 13 -18 Jahre ermäßigt: 12 €, Kinder bis 12 Jahre: frei
Georg-Zimmerer-Straße 7, 72488 Sigmaringen

http://www.schlachthof-sigmaringen.de/Die-naechsten-Veranstaltungen/SCHLACHThofFESTival-Samstag-23.-Juli-2016-ab-17-Uhr

Monday, 6 June 2016

GILLES PETERSON ehrt MPS

Spitzenjazz aus dem Schwarzwald

Die DJ-Szene entdeckt das Villinger Schallplattenlabel MPS 
 
cw. Obwohl die Villinger Schallplattenfirma MPS bereits vor mehr als dreißíg Jahren den Betrieb einstellte, stehen ihre Schallplatten bis heute hoch im Kurs. Gerade erleben sie sogar ein fulminantes Comeback: In der Club-Szene und unter DJs sind die LPs des Labels aus dem Schwarzwald weltweit hoch gefragt und erzielen Höchstpreise bei Auktionen. Jetzt hat der Londoner Star-DJ Gilles Peterson gerade ein neues Album mit MPS-Titel veröffentlicht, das den Boom noch weiter anheizen wird.

Peterson ist Plattenproduzent, Mixer und Remixer. Darüber hinaus hat er sich seit Mitte der achziger Jahre vor allem als “Acid Jazz”-DJ einen Namen gemacht. Tausende pilgerten zu den “Rave Nights”, bei denen der Engländer hinter den “Desks” stand und Platten auflegte. Dann engagierte die BBC den leidenschaftlichen Plattensammler. Jahre lang sorgte er mit wilden Stilmischungen in seinen populären Sendungen für Furore. Nun hat er ein Album mit Jazznummern aus dem Archiv des legendären Labels MPS (=Musik Produktion Schwarwald) veröffentlicht. “In den siebziger Jahren war MPS zweifellos das beste europäische Jazzlabel, fast so bedeutend wie Blue Note in den USA,” schwärmt Peterson. “Es gab niemanden in Europa, der der Villinger Firma das Wasser reichen konnte, was die Vielfalt und die musikalische Qualität ihrer Veröffentlichungen anbelangt.” Den Titel seines Samplers hat er mit Bedacht gewählt. “Magic Peterson Sunshine” heißt das Album. Abgekürzt: MPS!

Schon früh stolperte Peterson über Vinylplatten des Labels, als er die Sommerferien bei seiner Oma in der Normandie verbrachte. “Einmal in der Woche ging sie zum Großeinkauf in die Stadt. Ich begleitete sie und trieb mich dann in Caen herum, bis sie ihre Einkäufe erledigt hatte,” erinnert er sich. “Ich fand diesen Plattenladen und kaufte drei LPs, darunter eine MPS-Platte von George Duke.” Natürlich hatten die drei Buchstaben damals noch keinerlei Bedeutung für den Teenager. Die Signifikanz des Labels wurde ihm erst später klar, als das Kürzel MPS zu einer Art Zauberformel für ihn wurde, die für Jazz der Spitzenklasse stand.

Es war ein Bekannter aus Freiburg i.B., der Peterson die MPS-Schallplatten nahe brachte. Sein Name: Rainer Trüby. Der Schallplattenhändler, DJ und Clubbetreiber reiste in den achtziger Jahren regelmäßig nach London, um mit raren Vinylplatten zu handeln. Einer seiner Kunden: Gilles Peterson! “Rainer hatte immer auch ein paar MPS-LPs dabei, die er mir ans Herz legte und die ich natürlich sofort kaufte. Darüber hinaus erzählte er mir über die Geschichte des Labels,” erinnert sich der Londoner DJ.

Peterson fing Feuer und erwarb nun jede MPS-Scheibe, die ihm in die Hände fiel, ob auf dem Flohmarkt oder bei Internet-Auktionen. Das Label wurde geradewegs zu einer Obsession: Der DJ wollte unbedingt jede einzelne Schallplatte aus dem Gesamtkatalog von mehr als 500 Veröffentlichungen besitzen. Die Tonqualität der Aufnahmen begeisterte ihn, auch die stilistische Vielfalt der Musik. Dazu kamen die sorgfältigen Produktionen und die originellen Cover, die oft kühn gestaltet, graphisches Gespür verrieten. “Bei den MPS-Platten stimmte einfach alles. Ich lernte da Bands kennen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte,” erzählt er. “Labelchef Hans Georg Brunner-Schwer hatte das richtige Händchen. Er installierte in Villingen ein tolles Studio, behandelte die Musiker zuvorkommend und schuf so eine persönliche Atmosphäre, was für jedes erfolgreiche Label die Grundvoraussetzung ist. Er war nicht nur am Geschäft interessiert, sondern vor allem an der Musik.”
 Modern Jazz Group Freiburg
Etliche ausgefallene Namen hat Peterson auf seine aktuelle Zusammenstellung gepackt, darunter ein Stück der Modern Jazz Group Freiburg des Pianisten Waldi Heidepriems. “Ich wählte einige eher obskure Titel und Künstler aus, die nicht jeder kennt und die trotzdem fantastisch sind,” erläutert er sein Auswahlverfahren. “Natürlich wollte ich auch ein paar der großen Namen dabei haben, etwa George Duke oder Don Ellis.”

Dem Engländer bleibt jetzt nur noch eines: Nächsthin will er selbst nach Villingen reisen, um das MPS-Studio zu besichtigen, das seit einiger Zeit unter Denkmalschutz steht und für die Öffentlichkeit zugänglich ist. “Das wird eine absolute Pilgerreise für mich,” freut er sich schon heute. ”Die ganze Geschichte! All diese unglaublichen Musiker, die in diesem Studio aufgenommen haben. Das ist heilige Erde für mich!”

Monday, 23 May 2016

Bob Dylan zum 75.

Hey, Mr. Tambourine Man!

Bob Dylan wird 75 – alte Weggefährten, jüngere Liedermacher und besessene Dylan-Verehrer erinnern sich an Begegnungen mit ihm und seiner Musik 



cw. Eigentlich heisst er Robert Zimmerman, doch alle kennen ihn unter dem Namen: Bob Dylan! Vom Schriftsteller Dylan Thomas, den er verehrte, hat er sich den Namen entlehnt. Bob Dylan kam 1961 nach New York, wo er in den Folkclubs von Greenwich Village für Furore sorgte. Mit Songs wie “Blowing in the Wind”,  “Mr. Tambourine Man”, und “The Times They are a Changin” machte er weltweit Karriere und galt bald als die Stimme seiner Generation. Seitdem hat Bob Dylan immer wieder mit neuen Alben aufhorchen lassen und sich vielleicht als der größte Liedermacher aller Zeiten in die Annalen der Popmusik eingetragen. Am 24. Mai wird er 75 Jahre alt. Christoph Wagner hat alte Weggefährten und –gefährtinnen befragt, auch jüngere Kollegen und Bewunderer sowie Dylan-Experten, um ein Bild von diesem letzten Superstar des Pop zu gewinnen.

Carolyn Hester, Los Angeles (Folksängerin, auf deren erstem Album Bob Dylan 1961 mitwirkte. Es war seine erste Schallplattenaufnahme)

Image result for bob dylan carolyn hester photo“Ich war mit Bob Dylans Freundin Suze Rotolo eng befreundet und wir verbrachten viel Zeit zusammen, manchmal bei Konzerten. Als ich erwähnte, dass ich eine Schallplatte für Columbia Records machen würde, bekundete Bob Dylan sein Interesse, als Gitarrist dabei zu sein. Das Problem war:  Wir hatten bereits einen Gitarristen! Deshalb luden wir ihn als Mundharmonikaspieler zu den Aufnahmen ein. So lernte er den Produzenten John Hammond von Columbia Records kennen, der ihn dann unter Vertrag nahm.”

Happy Traum, Woodstock, USA (Folkmusiker und einstiger Nachbar von Bob Dylan)

“Ich traf Bob Dylan 1962 in Greenwich Village in Downtown Manhattan. Ich sang damals in der Folkgruppe The New World Singers. Bob Dylan mochte die Band. Er kam zu unseren Auftritten und gab uns Lieder von ihm zum Singen. Er war damals noch völlig unbekannt. 1963 war ich dann zum ersten Mal mit ihm im Studio. Wir nahmen Lieder zur Unterstützung der Zeitschrift “Broadside Magazine” auf, einem wichtigen Organ der Folkbewegung. Die New World Singers sangen Dylans “Blowing in the Wind” - die erste Einspielung des Titels! Er war im Studio dabei. Bei der gleichen Session sang ich mit ihm im Duett: “Let me die in my footsteps”. Ich sang die Führungsstimme, er die Begleitung, dazu spielte er Gitarre. Ein paar Jahre später zog ich mit meiner Familie raus aufs Land, nach Woodstock im Bundesstaat New York, wo auch Bob Dylan mit seiner Familie lebte. Damals gab es viele Musiker in Woodstock, eine richtige Künstlergemeinde.
Wir freundeten uns mit Dylans Familie an, besuchten uns oft und machten privat Musik zusammen. Er war sehr umgänglich. Bob Dylan war eine recht komplexe Persönlichkeit. In Woodstock lebte er sehr zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Die Schallplatten, die er damals machte wie “John Wesley Harding”, spiegelten dieses ruhige Leben auf dem Land wider. 1973 machte ich ein zweites Mal Aufnahmen mit ihm: Wir gingen in New York ins Studio seiner Plattenfirma Columbia und nahmen vier Titel auf. Als er dann 1973 nach Kalifornien zog, brach der Kontakt etwas ab, obwohl ich ihn auch später noch ein paar Mal traf.”



Peter Stampfel, New York (Folk-Veteran mit den Holy Modal Rounders)

“Das erste Mal als ich Dylan sah, wusste ich nicht, wer er war: ein junger Bursche mit Stiefeln und einer Mütze auf, der nach Greenwich Village in Manhattan gekommen war, um ein bisschen Gitarre zu spielen. Ein paar Wochen später ging ich abends am Folkclub “Folk City” vorbei und sah durch das Fenster, wie er dort auf der Bühne stand mit seinem Mundharmonikahalter. Ich hörte nichts durch die Scheiben, konnte aber an seinen Bewegungen erkennen, dass er richtig Gitarren spielen konnte. Als ich ihn dann kurze Zeit später auf der Bühne erlebte, erstaunte mich sein Gesangstil, diese Mischung aus Rock ’n’ Roll und traditionellem Hillbilly-Singen. Er war in der Lage, diese beiden Stile zu verbinden. Er sang das gleiche Repertoire wie alle anderen Folksänger: alte traditionelle Lieder etwa von Woody Guthrie. Keiner erinnert sich mehr daran, aber am Anfang seiner Karriere alberte und kasperte Dylan auf der Bühne herum. Er hüpfte und bewegte sich wie ein unreifes Kind. Erst als er seine Mütze abnahm, hörte er auf, ein Clown zu sein.”

Jeffrey Lewis, New York (Anti-Folk-Songwriter und Bandleader)

“Bob Dylan habe ich das erste Mal gehört, als ich so 14 oder 15 war und gerne im Radio klassische Rockmusik hörte. Damals entdeckte ich all diese tolle Musik aus den Sechzigern. Bestimmte Lieder von Bob Dylan, die romantisch-schnulzigen, gefielen mir nicht. Das ist auch heute noch so. Aber eines Nachts hörte ich ”Ballad of a Thin Man” im Radio, und der Song zog mich in den Bann. Das Lied war lustig und verrückt. Darin kam eine einäugige Schnake vor. Jede Zeile war voller Überraschungen, wobei die Musik ziemlich cool klang, düster, schwer und bedrückend. Plötzlich fand ich Bob Dylan interessant. Ich schaute die Plattensammlung meiner Eltern durch. Sie hatten das betreffende Album und noch zwei oder drei andere Dylan-LPs. Ich überspielte sie auf Cassette und hörte sie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule mit meinem Walkman in der U-Bahn. Was für tolle Musik! Seine romantischen Lieder sagen mir bis heute nichts, aber die lustigen, verrückten Songs sind voller Spaß, Brillanz und Energie. Bis heute gefällt mir der frühe Dylan am besten, diese wilde akustische Musik, auch wenn manche Leute meinen, er könnte nicht singen. Ich finde seine Stimme klingt jung und wild. Mit der Zeit beschaffte ich mir mehr und mehr Alben von Bob Dylan und finde, dass auf allen gute Musik ist.”

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Alex Neilson, Glasgow (Schlagzeuger, Sänger und Liederschreiber der Trembling Bells und von Crying Lion)

“Ich kam ziemlich spät auf Bob Dylan. Das erste Mal, dass mich seine Musik wirklich ergriff, war, als ich eine ‘Live’-Platte von ungefähr 1965 hörte. Es klang, als ob die Reiter der Apokalypse aus der Lautsprechern kämen. Ich bemerkte dann, dass es das berühmte “Judas”-Konzert war, wo Dylan als Verräter gescholten wurde, weil er elektrische und nicht akustische Gitarre spielte. Das war revolutionäre Musik in jeder Hinsicht. Von da an wurde Bob Dylan eine Obsession von mir. Ich begriff, dass seine Größe mit seiner Unergründlichkeit zusammenhängt. Je mehr man über ihn zu wissen glaubt, je mysteriöser wird der Mann.”

 Pete Coward, London (Musikjournalist und Dylan-Kenner)

“Bob Dylan inspiriert, weil er ein Genie mit Fehlern ist, und solche Fehler braucht es, um ein Genie zu sein. Er folgt den Worten von Leonard Cohen: "In jedem Ding ist ein Riß. Erst dadurch kommt Licht herein.” Deshalb erstaunt es nicht, dass seine beiden Versionen vom Song “Forever Young” ziemlich verschieden sind -  es verwundert nur. Doch Dylan sucht alles immer und immer wieder auf und überarbeitet es: seine Lieder, seine Stimme, sein Glaube. Und das macht er bis heute im Alter von 75 Jahren. Nicht weil er auf der Suche nach Perfektion ist, sondern weil es die ihm zugewiesene Rolle ist, als fehlerhaftem Genie und menschlichem Wesen.”

 Michael Moravek, Ravensburg (Sänger und Gitarrist der Planeausters)

“Es passierte in der Küche in der Richthofenstrasse in Balingen. Ich war 13 und mein Bruder rief mich ans Radio. Es kam gerade “Are You Ready”. Die Stimme elektrisierte mich, sie schien direkt aus einer Menschenseele heraus zu kommen und unterschied sich von allem, was ich bis dahin gehört hatte. Sie klang seltsam vertraut und verhakte sich in mir. Als heranwachsender Mensch konnte ich keine Wurzeln entwickeln, die sich an Orte festmachten. Durch Dylan habe ich damals meine eigene Sprache gefunden - nicht nur als Songwriter -, die mir ersatzweise zur Heimat geworden ist. Einer seiner großartigsten Songs? Covenant Woman. ‘You know that we are strangers / in a land we’re passing through’.”



Tuesday, 3 May 2016

Kubanische Klezmermusik. John Zorns 'Book of Angals, Vol 23'

Verblüffende Synthese

Kubanische Klezmermusik mit Roberto Rodriguez beim Jazzclub Singen


cw. Let’s klez! Seit 40 Jahren erlebt die jüdische Klezmermusik ein Revival. In ihrer vormaligen osteuropäischen Heimat durch Holocaust und 2. Weltkrieg vernichtet, waren es vor allem Musiker aus den USA, die die traditionelle jüdische Festtagsmusik wiederentdeckten und ihr zu einer weltweiten Renaissance verhalfen. Wie Blues, Tango oder Salsa gibt es heute Klezmergruppen nahezu überall auf dem Globus. Dabei treten immer mehr auch etwas abgelegenere Traditionslinien zu Tage, wie etwa die Klezmermusik auf Kuba, wo eine beachtliche Exilgemeinde jüdischer Emigranten strandete, um sich vor der Verfolgung in Europa in Sicherheit zu bringen.

Der Schlagzeuger Roberto Rodriguez stammt aus diesen Milieu. Er ist in der jüdischen Gemeinde in Kuba groß geworden und hat seit seiner Jugend bei Festen und Feiern jüdische Musik gespielt und dabei schon früh Klezmermelodien mit kubanischen Rhythmen vermischt. In den 1990er Jahre wanderte Rodriguez in die USA aus, wo er sich in New York niederließ, um weiterhin seine musikalischen Wurzeln zu pflegen. In Downtown Manhattan traf Rodriguez den Saxofonisten, Komponisten und Labelbetreiber John Zorn, der ihn ermunterte, die jüdisch-kubanische Klezmertradition weiterzuentwickeln.

Zorn schrieb eine Reihe von Kompositionen für Rodriguez, die dieser zuerst mit einer größeren Besetzung aufnahm (CD: Book of Angels, Vol 23) und jetzt mit seinem Cuarteto Aguares auf einer ersten Europatournee vorstellte, wobei er neben Auftritten in Slowenien, Holland und Österreich auch beim Jazzclub Singen im Kulturzentrum Gems vor vollem Haus gastierte. Rodriguez’ Ensemble besteht aus vier Meistermusikern, die die Latin-Klezermusik mit traumhafter Sicherheit in Szene setzen. Jonathan Keren an der Violine entpuppte sich als unglaublich fingerfertiger Virtuose, der dem Bandleader am Schlagzeug an technischer Brillanz in nichts nachstand. Am Piano, manchmal  akustisch, dann wieder in elektrisch, brillierte der junge Alon Nechustan mit markanten Soli, wobei Bassist Bernie Minoso das Ganze mit federnd-elastischen Baßlinien zusammenhielt.

Komponist John Zorn hat eine Musik kreiert, die eine wunderbare Melanche zwischen der oft träumerischen Melancholie osteuropäischer Klezmermusik und dem Drive und der Lässigkeit lateinamerikanischer Rhythmen darstellt. Dabei ist es dem Cuarteto Aguares gelungen, die knappen Vorgaben des Komponisten mit originellen Arrangements und gekonnten Improvisationen zu epischen Stücken auszubauen, die dennoch keine Sekunde langweilig wirkten. Vielmehr war es faszinierend zu hören, zu welch spannendem Mix sich die jüdische Musik in der kubanischen Diaspora formte. Rumba und Klezmer gehen dabei ein überraschende Synthese ein, die verblüfft und trotzdem vollkommen organisch wirkt.